VIA ALPINA

Woche 2 – Besuch, grosse Zufälle und neue Bekanntschaften

Die zweite Woche startete mit miserablem Wetter. Die Nacht im Zelt bei Blitz und Donner am Daubensee auf über 2000 Meter über Meer hatten Christian und ich aber hinter uns gebracht. Danach folgte der Abstieg via Gemmipass. Wir waren etwas müde vom Vortag und der kleine Gegenanstieg um danach nach Leukerbad runter zu laufen, war in diesem Moment ziemlich anstrengend. Der Gemmipass-Weg ist jedoch recht cool! Die Route verläuft mitten durch die Felswand und ist vom Tal gar nicht sichtbar. Da der Wanderweg aber sehr gut ausgebaut ist, muss man zu keiner Zeit Angst haben, obwohl es am Wegesrand immer mehrere Hundert Meter in die Tiefe geht.

Wir sind schlussendlich früh in Leukerbad angekommen und haben eine Bäckerei aufgesucht. Nach dem „Zmorga“ sind wir zum Dorfkern gelaufen und ich durfte early Check-in im gebuchten Hotel machen. Da das Wetter weiterhin so schlecht war, hatte ich auch kein schlechtes Gewissen, dass sich meine Via Alpina zur Hoteltour entwickelte! Nach einer Pizza am Mittag ist Christian abgereist. Ich habe noch meine Kleidung gewaschen, den Blogpost geschrieben und – jetzt kommt‘s: Bin noch ins Thermalbad! Da ich nicht so die Wellnesserin bin, musste ich mich fast zwingen und habe mir vorgenommen mindestens 1h im Sprudelbad zu bleiben. Meine Beinmuskeln dankten mir für meine Geduld.

Am nächsten Morgen kamen meine Freundinnen Lisa & Domenica den weiten Weg aus Graubünden bis nach Leukerbad, um mich fünf Tage zu begleiten. Ich freute mich riesig! Die Wettervorhersage sah jedoch alles andere als rosig aus. Naja, in der Gruppe übersteht man schlechtes Wetter normalerweise besser als alleine. Wir sind schlussendlich erst am Nachmittag aufgebrochen, da ihre Anreise so lange dauerte. Der Regen hatte kurz aufgehört und wir liefen in Richtung Albinen. Dort stiessen wir auf die bekannten Albinenleitern und waren alle etwas nervös, denn Domenica hat Höhenangst – jedoch ist sie seit längeren bemüht, diese zu bekämpfen. Das Wetter wurde wieder schlechter und kaum hatten wir die Leitern erfolgreich gemeistert, setzte der Regen ein. Und zwar kräftig. Als wir dann einen einigermassen tauglichen Zeltplatz erblickten, bauten wir schnell alles auf um nicht noch nasser zu werden.

Leider startete auch der folgende Tag feucht. Schade, dass mein Besuch die Walliser-Sonnenseite nur bei Dauerregen kennenlernen durfte. Wir liefen deshalb öfter auf Asphaltstrassen, denn die Wanderwege waren sehr grün (viel hohes Grass) und machten unsere Hosen und besonders meine Schuhe „pflutschnass“. Lisa & Domenica hatten glücklicherweise Regenhosen dabei, was sich zu diesem Zeitpunkt definitiv lohnte. Es ging nach Gampel und dort suchten wir nach einem Restaurant um uns wieder aufwärmen zu können. Nach einem super „Zmittag“ in einem Steakhouse (ja sogar ich als Vegi war sehr zufrieden) ging’s wieder weiter und man glaubt es kaum – es regnete für wenige Stunden mal nicht. Wir genossen es in vollen Zügen und kamen aus dem Schwärmen nicht heraus! Die Route verlief an den alten Wasserwegen und weil es so schön war, merkten wir gar nicht wie weit wir eigentlich liefen.

Irgendwann kamen aber die dunklen Wolken wieder. Das bedeutet Stress. Denn wir mussten doch noch vor dem Regen einen Schlafplatz finden, um trocken ins Zelt kriechen zu können. Aber diese Seite des Tals war sehr steil und deshalb waren wir mit der Zeltplatzsuche nicht wirklich erfolgreich. Wir wurden immer verzweifelter und sind so schnell gelaufen, bis wir uns sogar überlegten an fremden Häusern oder Hütten zu klopfen, um zu fragen ob wir im flachen Garten schlafen dürfen. Da passierte das Unglaubliche: Wir zögerten vor einer Hütte um unser weiteres Vorgehen zu besprechen als ein E-Biker an uns vorbei fuhr. Er schaute uns an und ich merkte, dass er mir sehr bekannt vorkam und sagte „Hoi“. Dann hielt er an und fragte, ob wir uns verlaufen hätten. Er war immer noch etwas verwirrt und ich sagte dann: „Nein – aber wir suchen einen Platz, wo wir das Zelt aufstellen können und übrigens – wir kennen uns!“ Da dämmerte es auch ihm, dass ich eine Kursteilnehmerin des Winterkurses Sicherheit und Rettung in Lenk von letzten Januar war. Ich lief also tatsächlich dem Bergführer meiner Gruppe über den Weg. Was für ein Zufall. Simon empfahl einen guten Platz und wir verabschiedeten uns. Den Platz hatten wir dann auch entdeckt und er war echt super gut! Wir sagten noch, dass wir ein Riesenglück gehabt hatten und feierten diesen Erfolg. Wir stellten die Zelte genau auf die Sekunde vor den ersten Regentropfen auf. Dann klingelte mein Handy. Ich dachte die Betreiber der angefragten Unterkunft für den Tag darauf riefen zurück. Denn der Plan war es, nach der Hälfte der fünf Tage eine Unterkunft zu organiseren, um alles (Zelt, Kleidung, Schuhe) trocknen zu können. Die Nächte im Zelt bei solchem Wetter sind nämlich ziemlich feucht. Als ich den Anruf entgegennahm meldet sich jedoch Simon, der Bergführer am Telefon. Er meinte, er könne uns sonst auch seinen „Stuben-Boden“ anbieten… Was für ein Glück 2.0 – wir konnten es kaum fassen! Trotzdem zögerten wir kurz, weil wir dreckig, nass und stinkig waren und niemandem zur Last fallen wollten. Dann aber dachte ich mir, als Bergführer ist er stinkende Bergsteiger in den Hütten wohl gewohnt! 😉 Wir packten unsere ohnehin schon feuchten Zelte wieder ein und wurden von einem Freund von Simon sogar wieder bis ins Tal gefahren. Danach gab es eine Dusche und sogar noch Spaghetti zum „Znacht“. Geht es eigentlich noch besser?! Wir schliefen auf unseren Mättli in der Stube ein und die Büsis schmusten in der Nacht mit uns. Wir hatten aber ein bisschen Angst um unsere Luft-Mättli (Krallen), durch die liebevolle Zuneigung der beiden Katzen.

Am nächsten Morgen regnete es sogar noch mehr! Doch unsere Glückssträhne hielt an, denn vor der Abreise gab es noch einen Brunch und ich holte ein paar Gipfeli im Konsum (Lebensmittelladen im Wallis – oder auch „Prima“). Nach einem Abschiedsfoto mit Simon und seinem kleinem Sohn sind wir dann wieder los und im Regen bis nach Mund gelaufen. So richtig motiviert war niemand, denn wir hatten am Tag davor ohne es zu merken 36km gemacht. Das spürten wir nun in der Hüfte, Rücken, Knie und Füsse. In Mund stoppten wir bei einem Restaurant um auf den Bus zu warten. Dann ging es nach Brig und wir kamen bei einer Freundin von Lisa unter. Sarah liess uns bei sich Zuhause aufwärmen, das Zelt trocknen und ich konnte sogar eine Wäscheladung machen. Zum „Znacht“ gab es in einem Restaurant unter ihrer Wohnung mal wieder Pizza. Vollgefressen schauten wir zum Abschluss noch eine Folge Shopping Queen und schliefen auf den Matratzen in der Stube wie die Murmeltiere.

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus wieder zurück nach Mund. Sarah – unsere Gastgeberin – kam auch für einen Tag & Nacht mit und so zogen wir nun zu viert los. Und man glaubt es kaum, aber es regnete ausnahmsweise nicht! Die Laune war gut – auch wenn es bis zur Belalp viele Höhenmeter zu bewältigen gab. Bevor wir aber überhaupt so weit kamen, liefen wir in Oberbirgisch Albert über den Weg. Und der lud uns um 07.45 Uhr zum Aperitif ein. Die Mädels zögerten kurz, aber ich sagte sofort „Ja“. Ich war nämlich viel zu neugierig, herauszufinden mit was für einem Apero er nun auftauchte – so früh am Morgen.. Er kam mit vier Shotgläsern zurück und wir ahnten Böses! Er verteilte uns doch tatsächlich (und zwar ziemlich grosszügig) seinen selbtgebrannten Arvenzapfenschnaps. Unglaublich was man hier im Wallis so erlebt. Und so wurden wir von einem alten Mann vor 08.00 Uhr zum Schnaps trinken eingeladen. Wir liefen dann los und bei mir „trümmelte“ es schon im Kopf und alle waren ziemlich heiter. Der Aufstieg führte uns durch einen feuchten nebligen Wald, mit kurzem Adrenalinschub aufgrund von Walliser Kampfkühen, in die Sonne nach Belalp. Zuoberst genossen wir ein wirklich ausgezeichnetes Mittagessen.

Danach begann der Abstieg zum Gletscher und auch der Regen kam teilweise zurück. Die Landschaft war aber unheimlich schön und nach der 124 Meter langen Hängebrücke ging es wieder in die Höhe zur Riederalp. Der Aufstieg zog sich und das Wetter verschlechterte sich zusehends. Wir kamen total erschöpft auf der Krete an und bauten unsere Zelte mit Sicht auf den Aletschgletscher auf.

Die Nacht war kalt und am nächste Morgen folgte die Enttäuschung. Das Wetter war auf den Freitag sehr schön gemeldet – was schlussendlich aber nicht der Realität entsprach. Und dann war auch noch der Via Alpina Original-Weg zu den Märjelenseen gesperrt. Deshalb mussten wir einen Umweg gehen und kamen in die – zu diesem Zeitpunkt stürmische – Höhe von 2500 Metern über Meer. Die Laune war im Keller. Es sollte doch ein schöner Abschluss werden, denn Lisa und Domenica gingen heute wieder nach Hause. Von Sarah hatten wir uns schon am morgen früh verabschiedet. Nach so vielen Regentagen, hätten die beiden einen sonnigen Tag im Wallis verdient gehabt. Fand ich. Aber da gab es nichts zu machen und so wanderten wir gemeinsam zur Fiescheralp. Zu unserem Glück hatte dort ein Selbstbedienungsrestaurant geöffnet und wir brunchten ausgiebig. Danach nahmen die beiden gegen Mittag die Bahn ins Tal und traten ihre Rückreise an. Und auf einmal war ich wieder ganz alleine. Bin dann nochmals hoch und über einen Umweg zu den Märjelenseen gekommen. Doch bei schlechtem Wetter sind die ehrlich gesagt auch nichts Schönes. Ich genoss es übrigens wieder alleine unterwegs zu sein. Die Ruhe hat für mich auch seinen Reiz.

Nach den Seen ging ich weiter zur Burghütte und ich traf erneut eine Herde Steinböcke an. Mein Plan war es noch bis nach Bellwald zu laufen und für den morgigen Tag vorzuholen. Denn für am Samstag wäre eine reine Wanderzeit von mehr als 11h geplant. Doch die Hängebrücke nach Bellwald war noch gesperrt. Ich fragte in der Hütte nach und der Hüttenwart meinte, ich soll einfach über die Absperrung klettern. Dass muss man mir bestimmt nicht zwei mal sagen. Der Weg ohne Hängebrücke wäre nämlich um einiges länger. Das Lustige: Das Gleiche hatte der Hüttenwart damals im 2017 auch Pascal gesagt. Und ich hab noch weitere Leute gesehen, die über die Absperrung geklettert sind. Anscheinend geht es um den Wildschutz auf der anderen Seite. Dort ist aber keine Absperrung und gemäss dem Hüttenwart wird sich diese Regelung sowieso demnächst ändern.

Ich bin noch durch ganz Bellwald gelaufen und hielt danach Ausschau nach einen Zeltplatz. Bei der Kapelle Apollonia sah ich eine flache, grüne Stelle. Quasi ein breiter Weg zu einer Hütte und etwas abseits vom Wanderweg. Auf dieser Höhe von ca. 1500 Meter findet man meistens nichts Besseres. Ich bin zur Hütte und hab geschaut, ob ich jemanden sehe um kurz nachzufragen. Da ich niemanden sah, beschloss ich das Zelt aufzustellen. Als ich fast fertig war, kam ein älterer Mann von der anderen Seite des Weges auf mich zu und fragte mich, was ich hier mache. Ich fragte ihn, ob er hier hinten „wohnte“ und er meinte ja. Dann fragte ich, ob ich heute hier schlafen dürfe und er meinte: „ Klar, aber nichts zurücklassen!“ (Was für mich eine Selbstverständlichkeit ist.) Er war mir gegenüber noch etwas skeptisch und fragte auch, ob ich eigentlich keine Angst hätte? Er könnte ja ein böser Mann sein. Schlussendlich redeten Kurt und ich weiter bis er mich zum Tee in die Hütte einlud, wo seine Frau und Freunde am Karten spielen waren. Ich dachte, warum eigentlich nicht – solche Bekanntschaften schätze ich sehr und machen das Wanderabenteuer auf jeden Fall spannender. Ich wurde herzlich von Hedi, Marianne und Hanspeter empfangen und mir wurde alles Mögliche angeboten. Ob Bett, Znacht, Frühstück, wärmere Decke oder Schnaps. Als dann irgendwann rauskam, dass die Schwester von Andri Ragettli bei ihnen am Tisch sass, waren alle ein bisschen aus dem Häuschen. Und ich war erfreut, dass seine Name den älteren Leuten ohne zu zögern ein Begriff war. Nach zwei Tees, vielen „Guatzli“ und einem Stück abgepacktem Alpkäse ging ich zurück in mein Zelt und schlief so gut wie noch nie (also gemessen an Zeltnächten) – denn ich wachte nur ein einziges Mal auf.

Am 14 Tag war es schön! Es hatte immer noch einige Wolken am Himmel, aber es war einer der schönsten Tage seit ich unterwegs war. Die Strecke war dafür etwas monton. Es ging fast 30km bis nach Ulrichen und immer ein bisschen auf und ab – mehrheitlich im Wald. In der Walibach Hütte trank ich ein Rivella und später quatschte ich noch mit einem Bauern. Mittlerweile sage ich auch (also wenn ich gefragt werde), dass ich bereits zwei Wochen unterwegs bin und bei Martigny gestartet bin. Muss mich also nicht mehr sooo sehr für den Badge auf dem Rucksack schämen. Der Ablauf eines solchen Gespräches ist immer gleich und irgendwie amüsant. Hier eine Beispielkonversation:

Woher kommst du? Aus Martigny.

Zu Fuss? Ja.

Was? Wie lange schon? 2 Wochen.

Also… aber nicht alleine oder? Doch eigentlich schon.

Hast du keine Angst? Hmm selten..

Wo schläfst du? *Zeige auf meinen Rucksack*

Und Essen? Auch im Rucksack.

Uiii.. dann ist der sicher über 20kg oder? Nein, so 13-14kg ungefähr.

Und wohin gehst du jetzt? Nach Ulrichen.

Gehst du danach noch weiter? Ja durch die Schweiz, dann weiter nach Österreich / Slowenien und wenn möglich bis ans Meer in Italien bei Trieste.

Wie bitte?! Das könnte ich nie! Wie lange bist du unterwegs? Weiss nicht genau, im Herbst muss ich wieder arbeiten..

Dann ganz viel Erfolg. Du siehst zäh aus und schaffst das sicher!

Ist schon lustig – es sind wirklich immer die gleichen Fragen. Der Bauer bedankte sich für die Unterhaltung (was ich uh herzig fand) und ich wanderte weiter. Hatte wiedermal keine richtige Pause gemacht und nach 6-7 Stunden war ich echt kaputt, sodass ich eine Stunde vor dem Ziel eine „Notpause“ machen musste. Heisst: Schuhe ausziehen und etwas Schoggi essen. In Ulrichen angekommen war ich sooo happy. Denn ich hatte meine ersten Meilenstein geschafft. Ich bin am Ende des Wallis angelangt und habe zusammengerechnet über 320km gemeistert. Das war also schon mehr als ein Zehntel der gesamten Strecke. Zur Feier gab es für mich nun ein Hotelzimmer, denn mein Handy-Akku war komplett aufgebraucht und meine Powerbank leer. Die Dusche fühlte sich wieder unglaublich toll an und ich freute mich auf meinen aller ersten richtigen Pausentag. Das Wetter sollte sowieso schlecht sein und so konnte ich in Ruhe einen Blogpost schreiben und intensive Fusspflege machen.

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4 Comments

  • Reply
    Erika Lischer
    15. Juni 2020 at 15:47

    Toll👍weiter so😀
    Freue mich für dich und denke daran – das traurigste Wetter ist bald passé💪😉

  • Reply
    Pauline
    16. Juni 2020 at 19:16

    Grüezi Christina!
    Wieder eine wunderbare Geschichte – und glücklicherweise mit vielen Momenten…! Wie schade dass das Wetter ja nicht super war, weil die Strecke eigenlich “Sonnenweg” heisst… Ich bin gespannt auf Woche 3! Toi toi toi – geniesse es!

  • Reply
    Lilian Meiler
    20. Juni 2020 at 12:42

    Hoi Christina, dis Mami hett miar grad din Link zu dena Posts gschickt…. Dia letscht Stund bin i begeisteret am lesa gsi. Du schriebsch so idrücklich, dass i fast z Gfühl han, dabi zsi…. Toi, toi, toi, für dieni wieter Reis und i freua mi schu uf din nächsti Post… Liaba Gruass us Flims, Lilian

    • Reply
      christinara
      30. Juli 2020 at 13:59

      Liebe Lilian, danke dir für deinen netten Kommentar. Habe mich sehr gefreut, Flimser auf meinem Via Alpina Blog begrüssen zu dürfen. Morgen geht es schon über die Grenze nach Slowenien, juhui! Wünsche einen tollen Caumasee-Sommer! Liabi Grüass, Christina

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