HIKING VIA ALPINA

Via Alpina 2.0 – Woche 4+: Schlussspurt

Ist es komisch, wenn ich sage, dass ich es absolut super toll gefunden habe, alleine auf einer Hütte zu sein?! Jedenfalls startete ich bestens ausgeruht und mit grandioser Laune von der Feldkirchner Hütte. Vielleicht war ich aber auch so gut drauf, weil ich am Vorabend postete: «Bald in Liechtenstein». Daraufhin meldete sich Stephanie. Wir kannten uns nicht. Sie bot mir ihre Hilfe an, wenn ich etwas bräuchte, falls ich in Malbun vorbei wandern würde. Tatsächlich war dies mein Plan – bei Malbun vorbeizuwandern (kleiner Umweg weg von der Via Alpina). Mehr noch, ich wollte eine Pause in diesem herzigen Bergdorf einlegen, merkte aber, dass das Timing schlecht war. Denn die Sommerferien hatten begonnen und es war Freitag – Wochenende. Fast alles ausgebucht. Erst zögerte ich etwas, Stephanie Angebot anzunehmen – doch die Bedenken «zur Last zu fallen» wurden etwas kleiner, als sich herausstellte, dass Stephanie eine gute Freundin der Freundin meines Bruders Gian ist. Ich wanderte los, hatte bereits Schweizer Netz und konnte alles organisieren. Ich entschied mich das Übernachtungsangebot anzunehmen und informierte Melanie und Gian (mein Bruder und seine Freundin). So kam es, dass alle ganz spontan Zeit hatten und auch Meli und Gian am Abend nach Malbun kommen würden für einen Ausflug. Darauf freute ich mich unheimlich.

Der Wandertag nach Malbun verlief daher mühelos. Ich passte die offizielle Via Alpina Route an und kraxelte auf den Gipfel der «Drei Schwestern» – eine blau/weiss Route, die ich bereits kannte. Letztes Jahr als Eleonore nach ihrer Via Alpina zurückreiste, traf ich sie (die Via Alpina hat mir nun schon einige Instagram-Blind Dates beschert 😊) und wir machten gemeinsam diese Tageswanderung. Daher hatte ich auch keine Bedenken, ob diese Route mit dem grossen Rucksack machbar war. Nach dem Gipfel der «Drei Schwestern» ging es auf der österreichischen / liechtensteiner Grenze entlang des Bergkamms weiter. Ich liebte es. Auf dem Gipfel «Kuegrat» machte ich eine Pause, zog die Schuhe aus, um die Füsse zu lüften und snackte Dörrfrüchte. Kurz darauf kam ein Mann und sprach mich nach einem kurzen «Hoi» ziemlich direkt an: «Kann es sein, dass ich an einem Vortrag von dir war?». Thomas aus der Nähe Winterthur meinte wohl eine Buchlesung – ich gab ein «Jaa..?» von mir. Tatsächlich, es stellte sich heraus, dass er an der Lesung in Fehraltdorf war. Seine Tochter hatte ihm ein Buch und die Lesung geschenkt. Ich wanderte nach der Begegnung weiter bis zum Zielort Steg in Liechtenstein – dort stärkte ich mich im Bergstübli Café mit einem Apfelstrudel und nahm die letzte Stunde bis Malbun auf mich. Als ich ankam, winkte mir Stephanie schon aus dem Fenster zu. Die Zweifel verflogen sofort – Stephanie ist super sympathisch und ich war überglücklich, dass ich bei ihr duschen und meine Wäsche waschen durfte. Ich lernte auch ihre Eltern kennen und am Abend kamen mein Bruder und Meli dazu. Es gab Spaghetti und es folgte ein gemütlicher Spieleabend (Brändi Dog). Es hätte nicht schöner sein können.

Der nächste Tag, ein Samstag, war mein Pausentag. Der zweite der Tour. Den ersten hatte ich bereits am 5-ten Tag wegen schlechtem Wetter und Blasen. Doch heute schien die Sonne und nach dem Frühstück ging ich ins Dorf, um dort meinen Freund und Nanuk (sein Schäferhund) zu begrüssen. Wieder war ich vier Wochen weg von zuhause – nichts im Vergleich zu vier Monaten. Aber es ist nicht immer so einfach, da ich doch ein Mensch mit grossem Heimweh bin. Wir verbrachten einen lockeren Tag ohne sportliche Aktivitäten – ich musste nämlich mein Schienbein schonen. Jeder Schritt schmerzte. Doch dafür brachte er mir ein Kleid und meine Birkenstock mit und ich konnte mich mal wieder normal anziehen. Den Abend verbrachte ich wieder bei Stephanie’s Familie und wir spielten eine weitere Runde Brändi Dog.

Am Sonntag ging die Tour weiter zur Pfälzerhütte (gibt übrigens nur zwei LAV-Berghütten – die andere ist die Gafadurahütte). Doch dieses Mal ging die Wanderung nicht alleine los. Mit Regina und Mario hatte ich mich vor ein paar Tagen verabredet – sie wollten mich einen Teil begleiten. Die beiden kenne ich noch von einem Trek in Nepal von vor drei Jahren und hatte sie seither nicht mehr gesehen. Doch wir starteten nicht zu dritt, sondern zu fünft. Denn Stephanie und ihre Mama Irene entschlossen sich spontan auch mitzuwandern. Ich freute mich total – Liechtenstein hat übrigens knapp 40’000 Einwohner. Vier davon begleiteten mich im Aufstieg von Malbun bis zur Hütte – es war spannend etwas mehr über das Land erfahren zu dürfen. Schon zu Beginn des Tages war es ziemlich warm doch der Weg angenehm und nach etwa zwei Stunden gab es eine Kuchenstärkung auf der Hütte, die an diesem Tag kein Wasser mehr hatte. Der Wassermangel auf den Berghütten war nun also Realität geworden. Erst vor kurzem hatte ich im Tagesanzeiger einen Bericht über ebensolche Befürchtungen gelesen. Der Wirt der Pfälzerhütte erklärte, dass er die Hütte evtl. schliessen müsse. Die Toiletten waren bereits verriegelt. Stephanie und Irene stiegen danach ab und Regina und Mario wanderten von Liechtenstein bis Österreich noch etwa zwei Stunden mit mir mit, bis wir uns bei ihrem Abzweiger dem Barthümelsjoch angekommen, verabschiedeten. Dann war ich wieder allein und überquerte gegen Mittag die Grenze von Österreich nach Graubünden. Juhu, was für ein Gefühl – endlich wieder in meiner Heimat zu sein. Der Bogen von den Dolomiten über Bayern war relativ gross und zu wissen, bis hierher gewandert zu sein, ist immer ziemlich beeindruckend (also für mich selbst beeindruckend). Kurz vor meinem Tagesziel kam ich an einem kleinen Bachverlauf vorbei, wo sich Strudeltöpfe befanden, die aussahen wie Bergbadewannen. Ich konnte nicht widerstehen und wechselte mein Outfit: Bikini on. Etwa eine Stunde badete ich und genoss die Aussicht. Denn der Bach fiel über die Felswand zum Wasserfall (natürlich hielt ich viel Abstand zur Klippe). Frisch geduscht kam ich bei der Schesaplana Hütte an und buchte ein Einzelzimmer, anstatt einen Platz im Matratzenlager. Den Luxus gönnte ich mir. Nach dem Abendessen ging ich früh ins Bett und postete ein Wochenupdate auf Instagram. Das braucht immer ziemlich viel Zeit und ich mache dies nicht gerne im Gastraum, da ich mir dann so handysüchtig vorkomme. Dabei hatte ich meinen Handykonsum unterwegs wieder erfolgreich reduziert. Zwar habe ich das Handy zum Fotografieren und Routen checken oft in der Hand, aber da ich kein Mobil-Abo für im Ausland habe, konnte ich Social Media etc. nur mit Wifi checken. Für den Notfall (googlen von Routendetails und Unterkünften, sowie als Zückerli etwas Whatsapp Kommunikation mit Freunden / Family) hatte ich aber ein Datenpaket heruntergeladen. Doch zurück in der Schweiz, hatte ich dieses Problem nicht mehr.

Am nächsten Morgen wanderte ich um 07.00 Uhr los zur Carschinahütte. Der Weg war traumhaft schön – der Prättigauer Höhenweg, auf welchem die Via Alpina verläuft, kann sich wirklich sehen lassen. Etwa in der Hälfte der Strecke tauchte der Lünerensee auf und nach insgesamt fünf Stunden erreichte ich die Carschina Hütte. Dort gabs erst Rösti und dann Schoggikuchen. Frank schrieb mir, dass hier eine junge Frau arbeitet, die mein Buch gelesen hatte. Prompt lief ich ihr über den Weg und sie zeigte mir die Hütte, da ich es liebe Hütten anzuschauen. PS: Sie ist super mega toll, die Carschina – und das Essen war top. Leider musste ich aber nach zwei Stunden Pause wieder weiter.

Es war ziemlich warm und ich lief wieder in Richtung Österreich. Nach dem Partnunsee folgte ein letztes Stück zur Tilisunahütte. Auch eine Routenänderung von mir. Denn die Via Alpina geht durch St. Antönien – also mehr talwärts. Aber ich wollte lieber am Berg bleiben. Unterwegs traf ich eine Frau und ein Mann an, die ihre Kinder «verloren» hatten. Eine der Töchter hatte ich gesehen, sie ist mir mit zügigem Schritt, Blick auf den Boden und grossen Kopfhörern auf dem Kopf entgegen gewandert. Die andere sah ich nicht. Also trennten sich die Eltern, um die Kinder wieder zu finden. Eine wirklich sehr blöde Situation, vor allem auch noch, da es so heiss war und man hier kein Netz hatte. Später traf ich drei ältere Personen an, die mich sehr müde anschauten und fragten, wie lange es noch bis zur Carschinahütte dauerte. Ich muss dann immer überlegen was ich sage. Diese kleine Gruppe wirkte ziemlich am Ende und nicht so fit – ich nannte aber trotzdem die Zeit, die ich dafür benötigte (1.5 Stunden). Das motivierte die Gruppe kurzzeitig, auch wenn es wohl länger dauern würde.

Die Tilisunahütta, mein Endpunkt des Tages, lag an einem See, umgeben vom Rätikon Gebirge, welches sehr hell ist (weisslicher Fels, Kalkstein). Die Hütte hatte sogar Duschen, war recht gross und etwas unpersönlich (im Vergleich zur Carschina und Schesaplana). Um 20.00 Uhr ging ich ins Bett und schrieb den Blogpost der dritten Woche fertig. Ich hatte zurzeit gerade nicht so Lust auf Hüttensmalltalk. Lieber war ich für mich und las Bücher auf meinem Tolino..

Der Dienstag startete wieder früh – um etwa 05.00 Uhr meinte eine Person im Lager ihren Rucksack einmal neu sortieren zu müssen. Es raschelte bestimmt eine halbe Stunde lang. Also stand ich (und ein paar andere Gefrustete) um 06.00 Uhr auf und als dann endlich um 07.00 Uhr das Frühstück serviert wurde, ass ich es im Rekordtempo, um loswandern zu können. Oft lasse ich das Frühstück in den Hütten aus, wenn es erst so um 07.30 Uhr startet – ist mir zu spät. Am liebsten hätte ich Frühstück jeweils ab 06.15 Uhr. Dann könnte ich 06.30 Uhr starten. Denn Kilometer am Morgen sind so schnell gemacht – im Vergleich zum Wandern in der Nachmittagshitze. Von der Tilisuna spazierte ich gemütlich berghoch in Richtung Schweiz. 30 Minuten später gings aber wieder zurück nach Österreich und es folgte ein unspektakulärer Abstieg nach Gargellen. Das Dorf im Montafon ist kleiner als ich es mir vorgestellt hatte.

Dort angekommen wollte ich mich stärken, die Mittagskarte gabs jedoch noch nicht. Deshalb esse ich so oft Kuchen – denn der ist meistens schon ready. Es gab Topfenstrudel (eine Art Quarkkuchen). Aber der Hauptgrund für die Pause war eine Holundershorle. Holundershorles sind meine Via Alpina 2022 Sucht. Bei uns gibt’s ja vor allem Holundersirup mit normalem Wasser. In Österreich und im Südtirol Holundershorles (im Südtirol sind sie besser). Und das Schiwasser (Himbeersirup mit Sprudelwasser – in Österreich und Bayern) mag ich nicht. So träume ich an jedem heissen Tag von Holundershorles und fantasiere über Pool-Formen und Variationen. Ich bin ja ein bisschen faul und trage nur wenig Wasser mit mir – deshalb, wenn ich Pause mache, bestelle ich an sehr heissen Tagen direkt zwei Getränke. 5dl Holundershorle und ein kleiner Apfelsaft pur. Nach der Pause ging es weiter, es war der wohl heisseste bisherige Sommertag – in der Schweiz las ich von 37 Grad, England knackte die 40 Grad Grenze. Gargellen kam nur auf 31 Grad – zum Glück. Doch genau zu dieser Zeit wanderte ich auf eine Forststrasse (ohne Forst – also Wald, der Schatten bieten würde) zur Vergalda Alm. Ich war positiv überrascht zu sehen, dass es eine Gastwirtschaft war und füllte meinen Holundershole «Haushalt» erneut auf. Doch der Platz war zu sehr in der Sonne und ich verzog mich auf die Hängematte im Schatten hinter dem Haus und nickte weg. Nicht lange, aber als ich wieder wach wurde packte ich mein Zeugs, bezahlte und wollte los. Doch Dani der Wirt spendierte mir einen Marillenschnaps. Ich trank diesen (war nicht so schlimm) und schon kam er wieder mit einem gespritzen Weisswein. «Christina heisst du? – ja gut Christina komm mit, du setzt dich jetzt zu uns!». Und schon war ich bei den grölenden und jodelnden Menschen am Party-Tisch. Es wurde Musik gespielt, gesungen und viel getrunken. Der Altersdurchschnitt war etwa 70+. Es folgte ein weiterer Marillenschnaps und ein überfüllter Prosecco. Nach einer Weile verabschiedete ich mich – immerhin hatte ich noch eine ordentliche Strecke vor mir – und entschuldigte mich dafür, dass ich nicht alles trinken konnte. Im Aufstieg merkte ich dann das halbe Glas gespritzer Weisswein und die zwei Schnäpse. Ich trinke nur noch wenn ich in den «Ausgang» (also an Parties) gehe, was mittlerweile einmal pro Jahr ist. Somit bin ich mittlerweile alles andere als trinkfest.

Der Aufstieg zog sich und ich war mir nicht sicher, was ich für die Nacht planen sollte. Nach zwei Tagesetappen wäre das Ende bei der Tübinger Hütte – doch die war geschlossen. Die Belegschaft hatte Corona. Ich plante deshalb entweder bei der Hütte auf der Terrasse oder im Winterraum zu übernachten oder weiterzuwandern in Richtung Bieler Höhe. Als ich dann auf dem vorletzten Pass ankam, wanderte mir ein Mann entgegen. Wir wechselten ein paar Worte und er erzählte, dass die Tübinger Hütte doch offen sei. «Schlechte Kommunikation des Alpenvereins, gar nicht so schlimm», sagte er. Ich wunderte mich, denn auf der Webseite stand noch heute Morgen die Info «Geschlossen wegen Corona» und auch auf der Hütte von gestern wurde diese Info beim Abendessen kommuniziert. «Woher hast du die Info – hast du angerufen?», fragte ich. «Nein – ich bin der Koch dort!», kam zurück. Dann musste es stimmen und ich erklärte ihm, dass mich diese Info sehr freute und gleich für den letzten Abschnitt motivierte. Jürgen erzählte mir was er heute kochen würde (Spinatknödel) und wir wanderten gemeinsam weiter. 15 Minuten vor der Hütte hielt ich an einem Fluss und genoss noch etwas das kühle Wasser und die Sonne. Jürgen wanderte zur Hütte, um seine Schicht zu beginnen und bot mir an, mich direkt in der Hütte anzumelden. Nach meiner Pause kam ich in der Hütte an – es waren nur drei weitere Gäste dort – denn alle wie ich zuvor auch, dachten die Hütte ist zu. Genau nach meinem Gusto! Ein richtig ruhiger Hüttenabend mit feinem Essen – sogar ein Zimmer für mich alleine hatte ich und es gab schonwieder eine Dusche. Also las ich wieder viele Seiten meines E-Books und genoss es.

Am Mittwoch startete ich um 07.00 Uhr – erst nachdem ich etwas gewandert war, hatte ich Netz. Ich hatte eine Nachricht von Eleonore bekommen mit einer Routenwarnung: «Bald kommt die «Getschner Scharte» – sie ist etwas heikel bei schlechtem Wetter», schrieb sie mir. Im 2021 schickte ich Eleonore jeweils Infos zur Route als sie die Via Alpina machte – dieses Jahr schickte sie mir Updates, was mich als nächstes erwarten würde (nur im Fall von Schwierigkeiten oder Tipps, wo ein schöner See ist etc.). Sofort checkte ich das Wetter und siehe da, ein Sturm würde genau nachmittags aufziehen. Ich entschloss mich bis zur Bieler Höhe zu wandern und dann zu entschieden. Schon um 11.00 Uhr kam ich an – eigentlich wollte ich bis Tagesende zur Jamtalhütte. Ich überlegte lange hin und her, denn wenn ich hier stoppte, dann bin ich dem Zeitplan um fünf Stunden hinterher. Es war schwierig sich zu entscheiden, denn noch war das Wetter top. Und schon mehrmals stoppte ich und dann kam das schlimme Gewitter gar nicht. Doch ich fand eine Unterkunft und hoffte, dass das Gewitter nun auch wirklich kommen möge. Und wie es kam – der Himmel wurde richtig schwarz und es stürmte. Es blitze und donnerte ziemlich heftig – zeitweise waren die Blitzeinschläge dort, wo der Pass lag. Was für eine schlaue Entscheidung es war hier zu bleiben. Denn bis auf den Pass waren drei Stunden vorgesehen und runter eineinhalb. Es hätte mich hundertprozentig erwischt. Das Problem der Strecke war jedoch nicht der Aufstieg, sondern der super steile Abstieg – und Eleonore sagte mir schon, dass es keine Möglichkeit gäbe für einen vorübergehenden Unterschlupf (Hütte, Biwak, Stall – was auch immer). Den Nachmittag nutzte ich, um die Blogposts der Woche 2 & 3 mit Bildern hochzuladen. Die Zeit verging wie im Flug und schon lag ich im Bett und hoffte, dass ich es morgen über den Pass schaffen würde.

Um 06.00 Uhr wanderte ich los – stockdichter Nebel umgab mich. Etwas unheimlich. Aber kein Regen – der Weg war zwar nass, aber in gutem Zustand und nicht zu aufgeweicht. Etwa 45 Minuten vor dem Pass verzog sich der Nebel und ich hatte einen traumhaften Ausblick. Der Pass war nah und ich war beruhigt nun etwas sehen zu können. Als ich oben ankam, lachte mir die Sonne erstmals an diesem Tag ins Gesicht. Doch ich war noch immer etwas nervös. Wie würde der Abstieg sein? Ich nahm diese Challenge in Angriff und kam gut voran. Der Pass gefiel mir und ich hatte Aussicht auf einen Gletscher. Doch Eleonore hatte recht – es war sehr steil, etwas rutschig und hatte grosse Absätze. Bei Gewitter ist dieser Abschnitt alles andere als empfehlenswert. Bei gutem Wetter jedoch okay – selbst ein Sturz wäre wohl nicht tödlich gewesen – nur sehr schmerzhaft. Ich sorgte mich vorgängig nämlich besonders über die Absturzgefahr. Manchmal wenn man mental aufs Schlimmste vorbereitet ist, dann ist die Realität dann doch nicht so heftig.

Nach etwas mehr als einer Stunde erreichte ich sehr erleichtert die Jamtalhütte. Ich wusste, dass alles was jetzt bis zu meinem Ziel Stelvio Dorf kommt, einfacher sein wird. Bei der Hütte wollte ich etwas trinken und essen und wurde dermassen unfreundlich empfangen, dass ich am liebsten grad wieder los wäre. Aber meine Füsse brauchten eine kleine Pause. Also hielt ich die miese Stimmung aus und durfte nach etwas betteln immerhin etwas zu trinken bestellen (an einem anderen Tisch hatten sechs Männer schon grosse Biere vor sich stehen – es musste also möglich sein was zu trinken zu bekommen). Am Tisch neben mir sass ein E-Biker – auch er wurde mies behandelt. Wir kamen ins Gespräch und fanden es wirklich schlimm, dass man bei der Nachfrage zum Zahlen erneut angeschnauzt wurde. Ich war so wütend, dass ich mich rächte und picknickte. Also das hiess, ich ass ein paar geschmolzene Malteser und dann liess ich provokant das Malteser-Papier in einem Korb auf dem Tisch liegen (auch nur weil ich sah, dass die Hütte Autozugang hat). Sonst nehme ich meinen Abfall immer konsequent mit bis ins nächste Dorf. Ich hoffe sie haben das Papier gesehen und sich geärgert haha 😉 Wieso führt man eine Hütte, wenn man Menschen nicht mag? Naja, weiter gings.

Um den Mittag war ich kurz vor dem nächsten Pass – dem Grenzübergang in die Schweiz. Die letzte Stunde lief ich mit Clemens aus Innsbruck, der Sedimentsproben aus den Bergbächen entnahm. Oben angekommen verabschiedeten wir uns und ich wanderte ins Hochtal Val Urschai – direkt neben dem bekannteren Val Tuoi. Ich kam schnell vorwärts, zumindest schneller als erwartet und machte eine Pause am Bach mit den Füssen im Wasser. Der Schluss war etwas langweilig doch um 17.00 Uhr kam ich in Ftan an. Dort trank ich etwas und ass (mal wieder) einen Kuchen. Die Küche war noch nicht offen, leider. Dann kam Julia an. Julia habe ich vor vier Jahren über Social Media am Transa Outdoor Festival kennengelernt. Seither sind wir in Kontakt und sie moderierte sogar eine Lesung von mir am Bächli Event. Gemeinsam wanderten wir noch bis nach Scuol und ich spürte meine Füsse. In Scuol war der Coop gerade noch offen und ich kaufte viele Früchte, Gemüse Dips und Fruchtsäfte. Vitamine! Dann wanderten wir noch zum Camping und ich war völlig fertig. Meine Uhr meinte, 42.6 Kilometer. Phuu, konnte ich fast nicht glauben. Aber war ja auch egal wie lange die Strecke war – ich war fast 13 Stunden gewandert und wusste auch so, dass es ein harter Tag gewesen sein muss. Leider hatte ich eine neue Blase bekommen. Mein Schienbein schmerzte höllisch und mein Wanderausschlag war schlimm. Denn ich hatte heute eine lange Hose an, wegen dem schlechten Wetter und dem anspruchsvollen Pass zu Beginn des Tages. Dabei war es heute gar nicht so extrem heiss. Viel lieber hätte ich täglich lange Hosen an – aber meine Beine ertragen es einfach nicht. Auf dem Camping entdeckte ich, dass man Pizza bestellen kann – also tat ich dies. Obwohl ich ja schon mein Abendessen gekauft hatte. So ass ich frisch geduscht neben meinem Zelt in bester Unterhaltung von Julia meine Pizza und alle Snacks. Später kam noch Simone mit Pimbor vorbei (ihr Hund). Eigentlich hatten wir geplant, dass ich die Poesia Clozza (die Bücherhandlung) anschauen komme. Doch ich wollte keinen Meter mehr freiwillig gehen – nur die Strecke zum Camping-WC. Also sassen wir zu dritt im Grass und hatten einen gemütlichen Abend. Ich freute mich, dass Simone extra zu mir kam und war schon jetzt gespannt auf die Lesung in Scuol im Oktober. Und das Beste am heutigen Tag: Ich hatte meinen Rückstand aufgeholt und würde doch am Samstag die Wanderung beenden können. Ich wollte nämlich unbedingt einen Ruhetag zuhause, bevor am Montag die Arbeit ruft.

Die Nacht war ruhig – doch wir starteten viel später als geplant. Der Grund war mein Rumtrödeln. Ich musste noch meine Kleidung im Camping Bad trockenföhnen, die ich am Abend zuvor wusch. Natürlich hatte in der Nacht (im und ums Zelt) nichts trocknen können. Es war sowieso alles sehr nass. Normalerweise ist das eher herbsttypisch. Wir wanderten zu zweit los auf einem eher langweiligen Weg (mit jedoch schönen Aussichten) bis S-charl. Die fast vier Stunden gingen trotzdem schnell vorbei. In S-charl erwartete ich jemand besonderes. Seit zwei Jahren schrieb ich mit Gambas (sein Spitzname). Er sammelte viele Infos über die Via Alpina – denn er wollte sie mit dem Fahrrad machen. Ich dachte damals, der spinnt doch – er muss dann bestimmt viele Bergpässe umfahren. Doch nun war er schon zwei Monate unterwegs, hatte mehr als die Hälfte geschafft und hat die steilsten Pässe gemeistert. Die schlimmsten für ihn waren die im Tessin. Ich hatte riesigen Respekt vor ihm. Der Weg ist zu Fuss schon anspruchsvoll – aber dann bei schwierigen Passagen auch noch ein Bike auf dem Buckel zu haben ist jenseits meiner Vorstellungskraft. Seine Bilder von unterwegs, die er wie ich alleine macht und die Kamera irgendwo auf einem Stein positioniert, sind sehr eindrücklich. Sein Rucksack war zudem winzig. Er hatte nur eine Matte und einen eher dünneren Schlafsack dabei – auf den restlichen Komfort verzichtete er. Er schlief damit meist in Biwaks, Alphütten, verlassenen Bunkern und weitere mir viel zu unheimliche Unterschlüpfe. Wir assen gemeinsam das Mittagessen und machten noch ein Rucksackvergleich-Foto bevor Julia und ich loszogen zur Cruschetta – dem Pass von der Schweiz ins Südtirol. Der Aufstieg war einfach und der Pass eher flach. Wir befanden uns nun im einzigen Schweizer Nationalpark. Hier war es verboten zu zelten. Schade, es wäre traumhaft gewesen. Wir wanderten den letzten Teil bis nach Taufers und ich begann zu leiden. Meine neue Blase schmerzte den ganzen Tag. Zusätzlich zum Schienbein und dem Ausschlag. Auch einen Sonnenbrand hatte ich noch kassiert. Ja langsam verging mir die Lust am Wandern. Das war aber kurz vor Schluss und mit diesen Beschwerden normal.

Ich hatte folgendes bereits mehrfach herausgefunden: Kurz vor dem Ziel sind meine Reserven weg. Ich mag und will nicht mehr – ziehe es aber durch. Wäre mein Ziel 10 Tage später gekommen, wäre es wohl problemlos gegangen. Es ist mental so, dass man seine Kräfte einteilt bis zum Ziel und dann genau bis dahin kann – bzw. die Kräfte besitzt. Etwas vom Schlimmsten ist es beispielsweise nach einem strengen Tag aus irgendeinem Grund doch noch eine Wanderstunde anhängen zu müssen.

Angekommen in Taufers assen wir im Dorf Znacht und buchten nach etwas Unsicherheit eine Unterkunft. Die Wettervorhersage war ungenau. Zum Glück klappte es mit der Unterkunft – es regnete und donnerte ordentlich in der letzten Via Alpina Nacht.

Der Wecker klingelte um 05.30 Uhr, doch die Welt wurde noch immer kräftig geduscht. Also stellte ich einen neuen Wecker eine Stunde später. Um kurz vor 07.00 Uhr war die Welt wieder in Ordnung und Julia und ich wanderten gemeinsam los. Doch nur für 30 Minuten – danach wanderte sie weiter in die Schweiz bis Santa Maria, um die Rückreise anzutreten. Denn ich wollte die letzte Etappe ganz allein absolvieren. Das ist mir jeweils sehr wichtig.

Ich hatte knapp acht Stunden Wanderzeit vor mir und startete mit einem Aufstieg von knapp 1300 Höhenmetern. Der Weg war richtig mies. Ich wanderte in kurzen Hosen wegen dem Ausschlag. Der Weg war aber stellenweise komplett verwildert und ich kämpfte mit Stachelpflanzen und Brennnesseln. Ich verlor den Kampf ziemlich oft. Dann setzte Regen und Donnergrollen ein. Der Regen wurde so heftig, dass ich auf einer Höhe von 2000 Metern zu einer Alphütte flüchtete. Ich hoffte auf eine Besenbeiz – es war aber eine Alpkäserei. Doch die drei jungen Männer liessen mich in der Stube beim Feuer aufwärmen und den Regen aussetzen. Die zwei Hunde waren meine Unterhaltung – denn die Käser waren bei der Arbeit. Nach nicht mal einer halben Stunde war draussen wieder etwas blauer Himmel zu sehen. Ich verabschiedete mich von Gerry und seinen Käserkollegen und stieg zum letzten Pass auf. Kurz vor dem Pass sah ich erstmals einen anderen Wanderer, etwa 45 Minuten hinter mir. Oben entschied ich mich zu warten – denn in der Unterkunft von gestern sagte die Frau, dass jemand hier übernachte, der die Via Alpina gehe und aus der Schweiz ist. Also dachte ich, es könnte diese Person sein. Doch er kam nie und als ich nachschaute machte er vor dem Pass Pause. Deshalb entschied ich mich um und stieg doch schon ab – er kam auch nicht mehr nach. Der Abstieg ging schnell vorbei und ich fühlte mich so glücklich. Einerseits weil ich es geschafft hatte, weil es schön war und auch weil ich bald nach Hause reisen würde. Ich liebe es heimzukommen. Das Schienbein war am Limit, es tat sehr weh. Kurz vor Stelvio donnerte es nochmals heftig, doch ich schaffte es gerade noch rechtzeitig vor dem Regen ans Ziel. Ich hielt meine Füsse in den Dorfbrunnen und zog meine Flip Flops an, nahm die Wanderschuhe und entsorgte sie direkt im Abfall. Nach etwa. 700 Kilometer waren die ziemlich durch. Dann wollte ich etwas essen im Hotel, wo ich vor zwei Jahren übernachtete (die Nacht wo ich um 22.00 Uhr mit dem TV-Reporter Sandro nach dem Gewitter noch eincheckte). Doch es gab kein Essenangebot um 14.00 Uhr. Also checkte ich die Verbindung nach Hause und sass fünf Minuten später im Bus. Es begann richtig heftig zu regnen und ich war so froh, im warmen Bus zu sitzen. Zwei Tage später war meine Rückreise Strecke über den Ofenpass wegen Murgängen über die Strasse übrigens gesperrt. Zum Glück war ich schon Zuhause, denn die Situation wäre auch fürs Wandern gefährlich gewesen.

Mein Fazit dieser Tour:
Ich bin froh konnte ich mein Projekt ganz abschliessen. Und Eleonore hatte recht – es war so schön. Ich hätte nie gedacht, dass mich solche Landschaften in Deutschland rund um die Zugspitze erwarten. Auch das Karwendel-Gebirge war traumhaft. Es hatte sich gelohnt, diese Wanderung fertig zu machen und keine andere zu starten. Doch ich habe festgestellt, dass es sich nicht so gut anfühlte diese Zeitlimite zu haben. Ich hatte vier Wochen und einen täglichen Schnitt von 24 Kilometern zu wandern. Was nicht mega viel ist, aber auf vier Wochen runtergerechnet eben schon. Weil zu Beginn startet man «ausser Form», also nicht eingelaufen und es fehlt die Zeit die Wanderung so zu nehmen, wie es kommt. Man muss immer weiter pushen. Beim ersten Via Alpina Projekt hatte ich keine so enge Zeitvorgabe – daher wanderte ich bei gutem Wetter und Verfassung sehr viel, weit mehr als 24 Kilometern am Tag. Aber wenn’s nicht so lief, war das auch ok und nicht problematisch. Dieses Mal fehlten mir die schönen Pausen an den Bergseen und das Loslassen können. Ich hatte auch noch ein paar Verpflichtungen, die ich jeweils via Handy koordinierte – letztes Mal war ich von all diesen Arbeiten erlöst und das war ein sehr befreiendes Gefühl. Deshalb würde ich das nächste Mal mehr Zeit freischaufeln, um die Berge noch etwas mehr geniessen zu dürfen. Es zeigt mir klar auf, dass ich nicht das Ziel habe schnell zu sein und möglichst viel Kilometer abspulen zu können. Es macht mich glücklicher, einfach auf dem Trail sein zu können und die Tage so zu nehmen wie es kommt.

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2 Comments

  • Reply
    Franziska
    28. Juli 2022 at 0:14

    Hallo Christina, ich lese gerade dein Buch, das ich eher zufällig fand, als Buchtipp in der SAC-Zeitung. Bin total fasziniert und würde am liebsten grad selbst aufbrechen! Deine Texte sind ehrlich, authentisch, zum Mitfreuen, Mitleiden, Mitlachen. Und voller guter Tipps, die auch für kürzere Wege wertvoll sind. Cool, dass du nun dein Via Alpina-Projekt abschliessen konntest, gratuliere! Ich hoffe, ich schaffe es an eine deiner Lesungen im Herbst. Liebe Grüsse aus Zürich!

  • Reply
    Eléonore
    28. Juli 2022 at 10:33

    Congrats on completing the last part of the Via Alpina :).
    You are still so strong even when it becomes difficult, you can be proud of yourself!

    I’m really glad you liked it.

    Enjoy getting back home now :).

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