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Interview mit Martina & Martin: Blind bis ans Meer wandern

Eigentlich ist meine Webseite wildmountainheart.ch nur dazu da, um über meine Weitwanderwochen zu berichten und in denn wanderfreien Zeiten “stillgelegt”. Doch ich habe Martina und Martin über Social Media kennengelernt und war fasziniert, sodass ich Martina & Martins Wandererfahrungen über ein Interview mit euch teilen möchte An alle die nämlich eine Wanderung planen, sich aber nicht trauen: Ich glaube Martina’s Geschichte wird euch nochmals zeigen, dass wenn man will, es möglich sein muss!

Martina und Martin – wir kennen uns nur via Instagram. Ihr habt mir geschrieben, ob mein Buch auch als Audio-Buch rauskommt – aus dem Grund, dass ihr beide gerne wandert, Martina jedoch blind ist und daher das Buch nicht lesen kann. Das hat mich berührt und als ich euren Account m_und_m_wandern_weit anschaute, war ich sprachlos. Ihr seid eben von Zürich nach Trieste gewandert. Und das auf Wegen, die alles andere als einfach waren. Ich sah einige Videos von Kraxxelstellen und denke mir dabei – Martin hast du nicht Angst um Martina?

Martin: Du hast nur die harmloseren gesehen! Bei Kletterpartien, die ohne Kletterausrüstung machbar sind, ist Martina nicht zu bremsen. Sie liebt es. Angst habe ich manchmal schon aber tatsächlich fast nie bei diesen Stellen. Da vergesse ich, dass Martina sehbehindert ist und ich glaube sie auch. Martina wandert und klettert mit einer Selbstverständlichkeit, dass du nicht merken würdest, dass sie fast nichts vom Weg sieht.  Allerdings ist das, glaube ich, auch das Gefährlichste. Denn weder Martina noch ich können im Voraus abschätzen, ob sie z.B. ein Loch im Weg, einen Stein oder einen Abgrund rechtzeitig erkennen wird. Das muss man vielleicht kurz mit zwei Bildern erklären, Bild 1 zeigt, wie Normalsehende den Weg wahrnehmen, Bild 2 zeigt Martinas etwas anderer Blick auf die Bergwelt. 

Martina: Das erklärt, warum ich trotz starker Sehbehinderung noch wandern kann. Klar sehe ich viel weniger als Martin. Ich kann mich jedoch gut orientieren und tatsächlich ergänzen mein Gehirn und andere Sinne einiges von dem, was meine Augen nicht mehr sehen können. Das gibt mir gerade beim Wandern Sicherheit und den, oft eben auch trügerischen, Eindruck, viel besser sehen zu können, als ich es tatsächlich kann. 

Martin: Das rechte Bild zeigt zwar die knappen 5%, was ihre Augen sehen, es ist aber nicht unbedingt das, was ihr Gehirn daraus macht. Das merke ich dann an den Fragen, die von ihr kommen. Da werden aus Bäumen auch mal Tiere, aus Steinen Menschen beim Picknick, aus Seevögeln Schiffe oder eben aus einer Stolperfalle ein ebener Weg.

Erzählt doch mal wer ihr seid und wie ihr zum Wandern gekommen seid? Bzw. welche grösseren Wanderungen habt ihr schon gemacht?

Martina: Ich bin 2008 aus Deutschland in die Schweiz gekommen und habe, als ich mich in Martin verliebt habe, Wurzeln geschlagen. Bis Ende letztes Jahr habe ich als HR-Leiterin und Geschäftsleitungsmitglied gearbeitet. Meine Arbeit hatte immer einen hohen Stellenwert für mich, vieles andere stellte ich hinten an. Das hat sich geändert. Als ich nicht mehr gut genug sehen konnte, habe ich über ein Jahr nicht mehr arbeiten können. Heute sehe ich im wahrsten Sinne des Wortes so ziemlich alles anders. Ich habe gekündigt, um diese Fernwanderung zu machen und um mir zu überlegen, was ich zukünftig machen will. 

Wandern ist Freiheit für mich; das habe ich erst als Erwachsene entdeckt. Als Kind bin ich nur widerstrebend mit meinen Eltern mitgewandert. Dass Martin und ich die Freude an Wanderungen in den Bergen teilen, verbindet uns. 

Als wir uns entschieden haben, die Fernwanderung nach Triest zu machen, hatten wir weder nennenswerte Erfahrung im Weit- und überhaupt keine Erfahrung im Fernwandern. Wir sind dann im Frühling 2021 von Zürich an den Bodensee gewandert und im Herbst 2021 von Göschenen über die Alpen nach Locarno. Damit war für mich auch der Hüttentest bestanden. Ehrlich wahr: Ich habe bisher noch nie in einer Hütte in einem Mehrbettzimmer oder in einem Matratzenlager übernachtet. 

Martin: Vor allem mein Vater, aber auch mein Grossvater waren begeisterte Wanderer. Wir waren also meistens in den Bergen in den Ferien und wanderten oft. Den Ausschlag zur Fernwanderung gaben jedoch andere Dinge: Ein ehemaliger Arbeitskollege träumte immer davon, ans Meer zu wandern. Ein Herzinfarkt kam ihm zuvor. Martina verlor ihre Sehfähigkeit und Bergwanderungen waren zwischenzeitlich unmöglich. Unsere körperliche Gesundheit ist nicht unendlich und nicht selbstverständlich. Wenn man Dinge, die einem wichtig sind, nicht macht, ist es irgendwann zu spät.


Ich arbeite heute im Stadtspital Zürich als Leiter der Personal- und Organisationsentwicklung. Es sagt viel über eine Organisation aus, wenn sie eine solche Auszeit unterstützt. Darüber bin ich sehr dankbar.

Ich habe gelesen, Martina sieht seit zwei Jahren 5% – also fast nichts. Wie geht ihr damit um – es ist ja auch im Alltag eine grosse Herausforderung, mit dieser Veränderung klarzukommen und nicht den Mut zu verlieren. Es scheint, als habt ihr euch davon nicht unterkriegen lassen – war das immer so – oder wie war dieser Prozess für euch beide?

Martina: Ich habe meine Sehfähigkeit nicht schlagartig, sondern nach und nach innerhalb eines Jahres verloren. Mit jeder Verschlechterung wuchsen meine Verzweiflung und die Liste der Dinge, die ich nicht mehr konnte: Lesen, Arbeiten, Einkaufen, den Herd bedienen, Velo fahren, und das Schlimmste: Ich konnte keine Gesichter mehr erkennen, auch mein eigenes nicht. Das war die Hölle für mich. Unsere Beziehung hat das schwer belastet. Was mir geholfen hat, waren zunächst kleine Spaziergänge, um zu üben mich zurechtzufinden. Dann habe ich angefangen, täglich zu joggen. Ich bin am Anfang oft gestürzt, mit der Zeit immer weniger. Mir kam es vor als würde ich alles neu lernen müssen. Auch wandern ging immer besser. Dass Martin und ich das gemeinsam machen konnten, hat uns geholfen, diese schwierige Zeit zu überstehen. Mit Martin zusammen ist alles viel leichter für mich. Inzwischen kann ich einiges von dem, was ich nicht mehr sehen kann, irgendwie kompensieren. Hilfsmittel, Kreativität, Frustrationstoleranz und um Hilfe bitten, sind neue feste Bestandteile in meinem Leben. Martin und ich sind inzwischen ein gut eingespieltes Team. 

Martin: Das war schon eine krasse Zeit. Die Berge haben uns dann immer gut getan und wir konnten etwas Abstand schaffen oder Dinge verarbeiten. Aber was das Wandern in dieser Zeit anging: Das Maximum, was Martina in dieser Zeit schaffte, waren Wanderungen von maximal 300-400 Höhenmeter und 10 Kilometer Länge. Das war erst vor 2 Jahren, also noch gar nicht lange her!

Was würdet ihr Menschen, die auch eine grosse Hürde zu meistern haben, mit auf den Weg geben wollen? 

Martina: Die Hürde ist ein gutes Bild. Stell dir eine Hürdenläuferin oder einen Hürdenläufer vor. Was es braucht ist Training, d.h. viele, sehr viele Versuche, auch Stürze, bevor die Hürde sicher übersprungen wird. Mir ist es vorgekommen, als wäre die Hürde zu hoch. Doch das war sie nicht. Ich hatte nur noch nicht gelernt, hoch genug zu springen. Ich kann es jetzt. Am Anfang ging gar nichts, dann ein bisschen mehr und dann noch ein wenig mehr. Du musst nur anfangen. Das ist das Bild, das ich gerne mitgeben möchte. Wir Menschen können viel mehr als wir für möglich halten.  

Martin: Auf sich selbst schauen finde ich das Wichtigste. Es wird wahrscheinlich viel länger dauern als man möchte. Ich glaube es ist wichtig, sich von Beginn an um sich selbst zu kümmern. Wie Martina sagt, sind es viele kleine Schritte und das braucht seine Zeit. Das bedeutet auch, dass Anderes viel weniger, vielleicht gar keine Zeit mehr bekommt. Der Tag hat schliesslich nur 24 Stunden. Macht man das nicht und schiebt es stattdessen vor sich her, wird die Hürde nur immer grösser. Das gilt übrigens auch für Angehörige. 

Was bereitet euch auf Wanderungen grösste Schwierigkeiten und was im Alltag?

Martina: Tatsächlich habe ich beim Wandern weniger Schwierigkeiten. Wenn ich durch Zürich gehe, brauche ich den Blindenstock, um sicher über Strassen und vorbei an Menschen, Velos und allem, was sonst noch meinen Weg kreuzt, zu kommen. Lesen kann ich nicht mehr. Zeitung, Bücher, E-Mails, Dokumente, Fahrpläne, Wetterberichte etc. kann ich mir mit Hilfsmitteln mal besser, mal schlechter vorlesen lassen. Wie stark unsere Welt visuell geprägt ist, ist mir erst bewusst geworden, als ich das meiste nicht mehr sehen konnte. Ich habe heute andere Strategien und Techniken, um zu arbeiten und den Alltag zu bewältigen, brauche jedoch viel mehr Zeit und Energie als früher. Wahrscheinlich ist das ein Grund, warum ich mich beim Wandern entspannt und frei fühle. Die Geschwindigkeit entspricht meiner Sehfähigkeit, ich habe genug Zeit, den Weg zu finden. Wenn Martin mit dabei ist, reicht das, was ich sehe. Ich sehe dann gut genug und das ist ein sehr schönes Gefühl. Schwierigkeiten machen mir nur ungünstige Lichtverhältnisse, und Streckenabschnitte, bei denen es wichtig ist, auf die richtige Stelle zu treten, z.B. nicht auf Wurzeln, wenn es nass ist und steil bergab geht.

Martin: Auf dem Weg über die Alpen stiessen wir weitab von der Zivilisation, auf ein Schneefeld in einer steilen Geröllhalde. Ein Abrutschen hätte es nicht verziehen. Es war Anfang Juni und noch niemand hat das Schneefeld gequert und wir waren an diesem Tag schon 6 Stunden unterwegs. Umdrehen oder queren? In diesen Situationen kann Martina nicht helfen, da sie gar nicht sehen kann, wie gefährlich, wie weit und wie steil das Ganze ist. Martina ist im Schnee wirklich blind und sie verlässt sich in diesem Fall darauf, dass meine Beurteilung stimmt und sie in meinen Fusstritten Halt finden wird. Glücklicherweise gibt es sehr wenige solche Situationen, wenn man in der Vorbereitung ein paar Dinge berücksichtigt.

Wie plant ihr eure Wanderungen – was ist wichtig, wo sind die Grenzen?

Martin: Ich plane so wie viele andere auch. Ich schaue also wo die Wanderwege sind und welche Kategorien sie haben. Ich nutze dafür alle möglichen Apps wie Komoot, Outdooractive, Swisstopo etc. Martina kompensiert ihr Handicap mittlerweile so, dass mir kaum etwas einfällt, was nicht möglich wäre. Ich achte jedoch z.B. darauf, dass es genügend Pausen gibt und die Wanderungen auch von der Länge im Rahmen bleiben, da es für Martina ungleich anstrengender ist. 15-20 Kilometer mit bis zu 2000 Höhenmetern liegen bei gutem Wetter gut drin. 

Wer hat welche Rolle vor und während der Wanderung?

Martina: Ganz klar: Martin ist Organisator, Navigator, Assistent und, ganz wichtig, er hat fast immer das Essen mitgetragen. Meine Rollen beim Wandern sind, für ausreichend Pausen zu sorgen, einen Grund dafür finde ich immer, und allen Menschen, bei denen wir geschlafen, gegessen oder die uns geholfen haben, herzlich Danke zu sagen. Unterkünfte suchen helfe ich auch. Ansonsten kann ich super alles schön finden, laut denken und Martin alles Mögliche und Unmögliche fragen.

Martin: Eine wichtige Rolle fehlt: In Situationen, in denen es richtig hart auf hart geht, wächst sie über sich hinaus, das war schon immer so. Sie bleibt dann absolut ruhig und ist sehr pragmatisch im Denken und Handeln. Funktioniere ich nicht, und das kommt vor, übernimmt sie den Lead und weiss sich zu helfen. In den Bergen kann immer etwas passieren und es ist gut, sich aufeinander verlassen zu können.

Wie meistert ihr schwierige, abschüssige Passagen und wie funktioniert es mit Stolperfallen (Wurzelwege)?

Martin: Ich kann nicht viel mehr machen, ausser auf Gefahren hinzuweisen und selber zu schauen, dass ich nicht stolpere. Ich verlasse mich in diesen Passagen darauf, dass Martina signalisiert, wenn sie Hilfe braucht. Wenn der Weg es erlaubt, bleibe ich hinter ihr, damit sie das Tempo bestimmen kann.

Martina: Es gibt mir Sicherheit, mich in dem Tempo bewegen zu können, in dem ich mich sicher fühle. Und dann habe ich ja auch noch meine Hände, um mich zu orientieren und abzustützen. Deshalb würden Wanderstöcke für mich nicht in Frage kommen. Meine Hände habe ich gerne frei.

Was sind eure schönsten Momente unterwegs – was sind eure Highlights?

Martin: Wenn wir oben angekommen sind und den nächsten Berg oder das nächste Tal sehen. Das ist grossartig. Highlights sind für mich aber diese Augenblicke in den Bergen, in denen wir uns fühlen, als wären wir die einzigen zwei Menschen auf der Welt. 

Martina: Das ist auch für mich faszinierend gewesen. Unvergesslich für uns beide ist eine 9 stündige Etappe, eine der schönsten, bei der wir keinem Menschen begegnet sind. Am schönsten sind für mich die Momente, in denen ich einfach nur staune, dass die Welt so hoch in den Bergen so komplett anders ist, fast als wären Martin und ich auf einem anderen Planeten. Ehrlich gesagt war es auch ein sehr schöner Moment, als mein Rucksack und mein Rücken sich nach drei Wochen endlich aneinander gewöhnt haben 😉

Wie ist es für Martina, wenn der Weg sehr streng ist und ihr dann endlich oben bei einer Aussicht ankommt – gibt dir noch das gleiche Glücksgefühl, wie bevor du erblindet bist? Oder sind es mittlerweile andere Abschnitte, die dich glücklicher machen, da die anderen Sinne mehr Wert erhalten haben?

Martina: Ja, das Glücksgefühl ist das gleiche, und doch hat sich etwas verändert. Es ist heute sogar noch mehr besonders, den Weg zum Gipfel geschafft zu haben und dass ich etwas sehen kann. Das schätze und geniesse ich und dafür lasse ich mir Zeit. Dabei habe ich fast ein wenig Mitleid mit den Gipfelstürmerinnen und Gipfelstürmern, die, kaum den Gipfel erreicht, auch schon wieder weg sind. Manchmal denke ich sogar, dass sie weniger sehen als ich.

Wie seid ihr auf Instagram gekommen? 

Martina: Instagram war Martins Idee und er betreut den Account. Passiert etwas Relevantes, wie zum Beispiel deine Anfrage, macht er mich darauf aufmerksam.  Für mich als Sehbehinderte ist Instagram, wie alle sozialen Medien, unheimlich anstrengend.

Martin: Die sozialen Medien und meine Kinder sind gleichzeitig gross geworden. Da musste ich ja schauen, was die da treiben – auf beiden Seiten :-).


Im Ernst: Mir gefallen die sozialen Medien immer dann am besten, wenn etwas Relevantes erzählt wird. Das vermisse ich dann doch sehr oft. Ein paar hübsche Bilder ohne Geschichte finde ich langweilig. Wandern mit Handicap fand ich von Beginn an eine spannende Story und Instagram geeignet, um dort einen Teil davon zu erzählen. Relevant ist dabei vor allem die Sensibilisierung nicht sehbehinderter Personen, Dinge auch aus anderen Perspektiven zu betrachten. Instagram bietet hierzu einen direkten Zugang zu dieser Gruppe.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Beide: Bezogen aufs Wandern wünschen wir uns, dass wir zusammen noch viele viele Jahre in den Bergen unterwegs sein können – und, mindestens gleich wichtig, alkoholfreies Weizenbier in allen Bergrestaurants und Hütten! 

Was ist euer liebster Weitwander-Gegenstand? z.B. bei mir: Zelt, Schlafsack und Tolino. 

Martina: Mein liebster Wander-Gegenstand war die so genannte «Züri-Tasche». Das ist eine Stofftasche vom Stadtspital Zürich, wo Martin arbeitet, mit dem Aufdruck “Mis Züri. Mis Spital. Min Job”. In der Tasche war jeweils unsere Verpflegung für den Tag. Martin: Ganz klar die kleine Schere im Erste-Hilfe-Set. Irgendwann musste der Bart einfach weg!

Martin: Ganz klar die kleine Schere im Erste-Hilfe-Set. Irgendwann musste der Bart einfach weg!

Gibt es noch etwas, was ihr loswerden möchtet? 😊

Martin: Nur eine (augenzwinkernde) Bitte an alle Mehrtages-Wanderinnen und Wanderer: Verzichtet doch bitte auf Wanderklamotten aus Kunstfasern. Man riecht euch früher als man euch sieht!  

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