Die Mama der Familie im Zimmer, in welchem ich meine Hüttennacht verbracht habe, beginnt um 05.40 die aufgehängte Kleidung (die am Vortag ganz nass wurde, wie meine auch) der beiden Kinder zusammen zu legen. Von diesen Geräuschen wache ich auf und meine, es muss schon kurz vor Frühstückszeit (06.30 Uhr) sein. Als ich dann auf meine Uhr schaue und merke, dass es noch viel zu früh ist, nerve ich mich ein bisschen. Aber in Hütten gehört das ein bisschen dazu, daran gewöhnt man sich.
Weil ich schlussendlich zu früh wach bin starte ich direkt nach dem Frühstück kurz nach 07.00 Uhr und treffe erneut die Steinböcke vor der Hütte. Zwei Trailrunner überholen mich, aber ansonsten ist noch niemand unterwegs. Heute geht es zu Beginn in einem langem Marsch durch das Cadlimo Tal. Es ist so schön und ich habe mir bereits innerlich eine Notiz gemacht: «Die Cadlimohütte werde ich wieder besuchen und die Cadagnohütte dazunehmen (die sieht auf Bildern so schön aus und ist ganz nah). Überall hat es Seen und einen Bach mit steinerem Bachbett, für mich vergleichbar wie eine sanftere Version der Verzasca. Natürlich würde ich gern Pause machen und dort baden, aber ich bin in Eile. Auch, weil ich so unendlich langsam vorwärts komme im Abstieg! Meine Knie schmerzen, zum ersten Mal so richtig! Sofort kommen bei mir Angst und viele Sorgen auf. Beim letzten Mal, als das so war, konnte ich ca. 4-5h später kaum mehr gehen und musste heim. Auch rutsche ich an diesem Tag sehr unnötigerweise sicher 17 mal aus und fange mich immer knapp wieder auf, habe einen Schock und sage mir, „jetzt konzentriere dich besser!“ und zack passiert es wieder. So ein Glück geschieht trotzdem nichts, ausser des täglichen „beide Füsse minimal verknacksen“. Irgendwie krass, passiert es jeden Tag und es tut auch weh, aber es geht trotzdem immer weiter und ist nie richtig schlimm. Bin selbst überrascht, dass das möglich ist. So weit so gut. Ausser das mein rechter Fuss immer leicht geschwollen ist. Aber das war es ja schon vor der Wanderung so. Hoffe natürlich, dass ich mir damit keine längerfristigen Schäden einsammle.
Jedenfalls erreiche ich nach einiger Zeit den Stausee beim Lukmanierpass und gönne mir ein Bad im Zufluss. Der Bach sieht so schön aus und die grossen Steine sind perfekt geformt, wie ein Liegestuhl, sodass ich es mir gemütlich mache. Danach will ich eigentlich auf dem Lukmanierpass etwas essen, aber beim Restaurant angekommen ist mir schnell klar, dass ich direkt weiter wandern werde. Es hat viele Töfffahrer und die Stimmung ist stressig, sodass ich den Gegenanstieg in Angriff nehme. Heute ist ein harter Tag für mich, der Aufstieg fühlt sich endlos an. Oben angekommen nutze ich nochmals den Empfang und beantworte ein paar Nachrichten. Allgemein habe ich viel seltener Empfang, als ich das teilweise erwartet hätte. Es tut mir zwar sehr gut (Detox), aber gleichzeitig ist es für die Planung und Recherche manchmal mühsam. Der Abstieg verläuft nun in den Alpenpässeweg Nr. 6 (Domenica‘s Weitwanderprojekt, ihr fehlt nur noch eine Woche!) und ist umgeben von grossen und aussergewöhnlichen eher runden Gesteinsbrocken. Ausserdem ist der Weg ist etwas ausgewaschen und nicht perfekt für jemand mit immer grösser werdenden Knieschmerzen. Meine Theorie, wieso ich nun auf einmal Knieschmerzen habe: Die haben angefangen, weil ich Vortag den Berg runter gerannt bin, um dem Gewitter zu entkommen. Die Belastung war da sicherlich um ein Vielfaches höher. Und deshalb stütze ich mich nun so fest wie es nur geht auf meine Stöcke, um die grösstmögliche Entlastung für die Knie zu erreichen. Nur bin ich mit dieser Technik soooo unendlich langsam! Ich werde von einem ca. 10 Jährigen Kind mit Mama überholt und nach kurzer Zeit sind sie nicht mal mehr sichtbar. Schlussendlich schaffe ich es am Nachmittag auf die Hütte, glücklicherweise vor dem nächsten Gewitter! Die Capanna Bovarina ist eine Tessinerhütte und wir von einem italienischsprechenden, sehr freundlichen Team geführt. Da es eine Dusche gibt, gebe ich die 5 Franken heute gerne dafür aus und mache mich wieder frisch. Ich merke, dass ich als Alleinwandernde (Frau?! – denke da habe ich gegenüber Männern ein Vorteil) oft recht gute Plätze im Schlaflager zugewiesen bekomme. Meistens am Rand, was mir gefällt. Und die Hüttenwartin sagt auch noch so: „Ah du bist alleine, brava!“ Zum Abschluss des Tages gönne ich mir noch einen Schoggi Kuchen alla Nonna. Die Schoggi Kuchen auf den Tessiner Hütten sind extrem gut! Besser als die meisten auf den Bündner Hütten, leider. Stimmt es, dass das italienische Schoggikuchen-Rezept Ricotta drin hat? Muss ich zuhause mal ausprobieren, obwohl das Schoggikuchen-Rezept von meiner Tatta (romanisch für Grossmutter) meiner Meinung nach eh nichts toppt.
Nachdem ich kurz mit meiner Mama für die morgige Tagesplanung telefoniert habe, werde ich von einer Frau angesprochen, ob ich Christina sei. Sie erklärt mir, dass sie mir auf Instagram folge und ich ihr bekannt vorkam. Sie erzählt auch, dass sie sich wegen mir oft ermutigt fühlt, sich hin und wieder bei Wanderungen in einem Bergsee abzukühlen, auch wenn es Überwindung braucht. Sie ist mit ihrer erwachsenen Tochter auf einer Hüttentour. Ich verbringe einen schönen Abend beim Znacht mit den anderen Wandernden am Tisch und gehe früh ins Bett. Ich schlafe gut, aber nur wegen meiner Silikonohrstöpsel. Die drei Männer im Bett über mir beklagen sich am Morgen nämlich, dass sie in der Nacht fast durchgedreht sind. Es hatte vor unserem Zimmerfenster einen Tropfen, der jede Sekunde nach unten geplätschert ist. Das war schon am Nachmittag so und hat die gesamte Nacht nicht aufgehört. Ohne Ohrstöpsel hätte mich das auch in den Wahnsinn getrieben.






Die Bovarinahütte ist auch Teil der Via Alta Crio, diese endet nämlich auf dem Lukmanierpass. Eigentlich war mein Plan ein paar Etappen davon zu machen. Die Via Alta Crio ist eine anspruchsvolle neue Weitwanderung (seit 2023) auf der Grenze Tessin und Graubünden. Wahrscheinlich eine der technisch anspruchsvollsten Weitwanderungen (10 Tage), die es in diesem Bereich gibt. Zum Beispiel heute würde der Weg oben über den Kamm auf dem Steinbockweg zur Scalettahütte führen. Der ist zwar noch eher easy (also so um ein T4), aber ich entscheide mich dagegen. Denn meine Knie bereiten mir Sorgen (wäre mehr Abstieg) und das Wetter soll heute nicht stabil sein. Am Morgen im Schuhraum spreche ich mit einem Paar, dass auf der Via Alta Crio ist. Umso mehr ich über die Route erfahre, obwohl ich vorrangig recherchiert habe (aber offensichtlich nicht gut genug – denn Rule Nr. 1, Via Alta Crio nur von Süden nach Norden begehen. Ich komme von Norden..), spüre ich, dass mein Plan nicht gut ist. Die Etappen, die ich gehen wollte sind in meinem Etappenexcel markiert mit „Begleitung wäre gut“. Und mit Begleitung meine ich jemanden aus meinem Umfeld, der problemlos ein T5/6 meistert und mich sogar noch etwas unterstützen könnte. Denn eigentlich bin ich technisch ziemlich gut unterwegs, aber der schwere Rucksack macht mich immer etwas weniger agil und die Routen so für mich schwieriger. Leider kommen als unterstützende Begleitung nicht viele dafür in Frage und ich habe niemandem konkret geschrieben, weil ich immer mehr merke, ich traue mich aktuell eh nicht auf die Via Alta Crio und muss meinen Via Rätia Plan sowieso anpassen. Dazu aber später mehr.
Deshalb wandere ich heute weiter auf dem Alpenpässeweg – zuerst bergab und dann wieder aus dem Tal hoch. Zu meiner Verwunderung führt der Alpenpässeweg heute über eine Strasse ins Tal. Der Alpenpässeweg wird oft sehr gelobt (die coolere Route durch die Schweiz, als die grüne Via Alpina), daher überrascht mich der lahme Asphalt-Abschnitt. Ausserdem bin ich wegen den vielen alpinen Abschnitten meiner geplanten Via Rätia mit richtigem Bergschuh unterwegs. Deshalb finde ich Asphalt schon nach 5 Minuten scheisse und bekomme im harten Bergschuh sofort brennende Fusssohlen. In Ghirone steige ich wieder das nächste Tal auf. Meine Mama hat das Auto in Olivone parkiert (ja stehe zu diesem Schweizer Ausdruck) und fährt mit dem Bergbus bis Pian Geirett. Dor haben wir abgemacht. Lustig ist, dass ich genau einen Abschnitt auf der Strasse wandern muss, als meine Mama im Bus an mir vorbei fährt und wir winken uns zu. Etwas weiter vorne auf der Strasse macht der Bus dann auf einmal einen Stopp. Mir ist sofort klar, dass meine Mama der Grund dafür ist. Ich schliesse wieder zum Bus auf und sie springt raus: „Ich habe ihm gesagt, this is my daughter! Willst du mitfahren oder soll ich aussteigen und mitlaufen?“ Auch wenn die Situation nur wenige Sekunden dauert, ich weiss schon was die beste Lösung ist und habe bereits den Gurt meines Rucksackes gelöst. „Nein, nein, fahr du mit, die Strecke hier ist nicht cool. Aber kannst du meinen Rucksack mit nach oben nehmen?“ Und so fährt der Busfahrer meine Mama als einzigen Gast im Bus mit zwei Rucksäcken auf die Ebene und ich wandere nur mit Handy und Stöcken die Höhenmeter hoch. Es geht sooo viel besser ohne der Rucksack. Aber es fühlt sich schon auch etwas komisch an, es fehlt einfach etwas.
Im Aufstieg beobachte ich einen Rettungshelikopter im Steinbockweg, denn ich eigentlich machen wollte. Schlussendlich wird jemand in einer Barre abtransportiert. Oje, ich bin grad doch froh im Tal gewandert zu sein auf dem eher doofen Weg, wenn ich das sehe. Auch wenn von einem Gewitter (Grund zwei für den Talweg) weit und breit nichts zu sehen ist. Endlich erreiche ich unseren Treffpunkt, wo Mama mit meinem Rucksack auf mich wartet. Sie ist etwas aufgebracht. Der Heli ist nach der Rettung am Bergkamm quasi vor ihr gelandet, um die Person von der Seilwinde ins Innere zu laden. Mama meint, dass die Person wohl nicht mehr am Leben war. Denn die Trage war nicht offen, sondern komplett verschlossen, auch über dem Gesicht. Das und ein anderer Vorfall in der Familie haben sie beunruhigt und wir umarmen uns nochmals und anstatt direkt loszuwandern, setzen wir uns hin, um darüber zu reden. Auch ich hatte in den letzten Tagen viel mit dem Thema Tod zu tun. Ich habe von zwei jungen Frauen erfahren, die durch Unfälle in den Bergen gestorben sind, die mich sehr beschäftigt haben. Auch das spielt aktuell einen grosse Rolle bei meinem Unwohlsein mit der aktuellen Via Rätia Planung und der Entscheidung meine Route zu ändern. Und ich habe mir kurzerhand ein neues Garmin in Reach Mini 2 bestellt und an Mama liefern lassen. Sie hat es mir heute mitgebracht, da mich mein altes In Reach immer mal wieder ausgeliehen hatte und es danach bei mir nicht mehr funktioniert hat mit der Kopplung. Da ich so oft kein Netz-Empfang habe und die Ereignisse der letzten Tage mich so bestürzt hatten, will ich doch wieder getrackt werden können und einen Notruf absetzen, wenn der Worst-Case eintreten würde. Das bin ich nicht nur mir, sondern auch meinem Umfeld schuldig. Nach den schweren Themen kommt die Leichtigkeit nach der Pause zurück und wir steigen etwa eine Stunde gemeinsam bergauf.
Kurz vor der Scalettahütte gehen Mama und ich im Bach baden. Danach ziehen wir direkt unsere frischen Sachen an. Ich nehme auch meine Gummi-Birkis aus dem Rucksack, weil ich denke die Hütte ist nur noch ein Katzensprung entfernt. Leider sind es doch noch ein paar Minuten mehr als erwartet und so wandere ich umständlich in Birkis zur Scalettahütte. Das wirklich Komische daran: Da ich bereits mein „frisches“ Schlafshirt trage, will ich den Rucksack nicht mehr auf meine Rücken haben. Denn sonst „kontaminiert“ der schwitzige Rucksack ja mein Shirt! Das ist eh so ein Ding bei mir, dass die wenigsten verstehen. Ich liebe Weitwandern, und trotzdem kann ich auch auf Touren meinen Sauberkeitsfimmel (oder eher Hygiene?) nicht abstellen und würde sagen ich habe einen leichten Schwitz-Waschzwang. Meine Wandersocken dürfen beispielsweise unter keinen Umständen meine Daunenjacke berühren. Oder ich starte jeden Morgen fröstelnd im T-Shirt, weil ich mein Fleece nicht vollschwitzen will, weil es dann auch zu den „grusigen Sachen“ gehört. Auch wenn ich nicht mehr schwitze, aber noch nicht „geduscht / gewaschen“ bin, ziehe ich nicht das Jäckli an. Macht noch jemand das so? Ich habe auch zwei Kleiderbags dabei, damit sich saubere und schwitzige Wäsche nicht berühren. Und wann immer ich kann, wasche ich von Hand Abend für Abend mein Wandershirt und BH (und natürlich die Unterwäsche). Deshalb laufe ich also sauber in Birkis den Wanderweg entlang. In einer Hand meine stinkigen Schuhe und in der anderen den vollgeschwitzten Rucksack, was extrem anstrengend ist. Zum Glück sieht mich so niemand, sonst würde man sich bestimmt fragen, was mit mir nicht ganz stimmt..
Bei der Scalettahütte bekommen Mama und ich im grossen Schlafsaal das schönste Bett zugewiesen. Siehe Bild! Allgemein finde ich die Scalettahütte recht schön! Das Abendessen ist anders als sonst in der Hütte. Jede Gruppe hat einen eigenen Tisch, es fühlt sich edler an, ein bisschen wie im Hotel.












Nach der Hüttennacht erzählt mir Mama eine ziemlich absurde Geschichte: Um 4 Uhr morgens musste sie auf die Toilette – der Weg führte vom Zimmer durchs Treppenhaus ins Untergeschoss. Unterwegs begegnet ihr ein Mann, der dasselbe Ziel hat. Nur: er trägt dabei rein gar nichts. Kein T-Shirt, keine Unterhose, nichts. Er spaziert splitternackt durch die gesamte Hütte. Mama fragt mich danach etwas unsicher, ob sie jetzt zu prüde sei oder ob das irgendwie normal wäre auf Berghütten. Nein, ist es nicht. Ich habe sowas noch nie erlebt und finde auch, dass das schlicht nicht geht. Je nach Situation kann so eine Begegnung richtig erschrecken. Als Mama mir beim Frühstück erklärt, welcher Hüttengast es war, wundert mich das kein bisschen mehr. Dieser Mann war mir schon am Nachmittag Tags zuvor durch sein Verhalten etwas negativ aufgefallen.
Terrifest 2026:
Auf diesen Tag freue ich mich sehr, weil ich nicht gedacht hätte, dass ich das Ziel tatsächlich erreiche! Denn heute wandern wir zur Terrihütte! Das ist eine kurze Strecke und für die Via Rätia macht es keinen Sinn, dass ich die Terrihütte eingebaut habe. Aber heute findet das Terrihüttenfest statt. 100 Jahre Terrihütte und zudem wird der Umbau gefeiert. Als Vorstandsmitglied bin ich an diesem Fest dabei. Natürlich freue ich mich auf das Fest, die Vorstandskollegen, die Musik-Shows auf über 2000 Metern, das Essen und die Hütte. Aber am meisten freue ich mich, dass ich es geschafft habe bis an diesem Tag durchzuhalten und auf der Terrihütte tatsächlich anzukommen. Wir wandern unterwegs an vielen Murmelis vorbei und wieder denke ich, die Greina-Ebene ist halt schon auch sehr schön. Gegen 12.30 Uhr kommen wir an und nach einer „Frischwasser-Dusche“ bin ich ein bisschen im Einsatz, um zu helfen und geniesse die drei Konzerte. Es ist ein gelungener Anlass und an solchen Tagen (wenn so viele schöne romanische Lieder gesunden werden) wünsche ich mir, das das Romanisch in meiner Familie nicht so krass abhanden gekommen wäre. Es gibt nämlich zwei Sachen in meinem Leben, die mich stören und meine persönlichen Bündner-Identitäts-Makel sind. Ich kann kein fliessendes Romanisch sprechen und wir haben kein Familienberghüttli (mehr). Beides „ist verloren gegangen“ aber ich weiss auch, dass beides noch oder wieder werden kann. 🙂 Daran kann man ja glücklicherweise arbeiten.










Am Fest wird viel geredet und am nächsten Morgen als Mama und ich wieder alleine aufbrechen um weiterzuwandern geniesse ich die Stimmung der leisen Greina-Ebene. Wir sehen sie nun nochmals von der anderen Seite auf dem Weg zur Motterasciohütte. Wir werden etwas verregnet und uns ist kalt. Die Hütte bietet gegen Bezahlung eine warme Dusche an, die wir uns heute gönnen. Leider bemerke ich bei der Ankunft auch, dass ich mein Hüatli verloren habe. Es steht «Flims» drauf, mein Start und Ziel auf der Via Rätia. Ich, leicht abergläubig, denke schon das wird ein schlechtes Via Rätia Omen sein, wenn ich mein Flims-Hüatli nicht mehr habe. Ich nehme direkt mit der Terrihütte Kontakt auf, weil ich glaube, dass ich es dort liegen gelassen haben muss. Doch 5h später taucht es im Kleidersack, wo es sonst nie ist und nicht sein sollte, wieder auf. juhu! Ein weiteres Problem löst sich an diesem Nachmittag: Ich verbringe wieder viel Zeit mit dem Installieren meines neuen Garmin in Reach Mini 2. Trotz fast keinem Empfang (um das Abo zu nach der Gerätekopplung zu aktivieren, braucht es das) schaffe ich es und bin froh, endlich wieder getrackt werden zu können. Es macht mir Freude auf der Karte zu sehen, wie meine Route verläuft und gibt mit ein „ich mache Fortschritt-Gefühl“. Meinen Freunden und meiner Familie habe ich den Link auch geschickt, die können mich nun also auch live verfolgen.
An diesem Abend freunden wir uns mit einigen unserer Tischnachbarn an und ich zeige ihnen (Mutter und Tochter Duo und Vater und Tochter Duo) das 10‘000er Spiel (hat mir Domenica beigebracht, sie ist meine Spieli-Influencerin). Später wird über einen Beamer noch das WM-Final übertragen. Ich habe aber dieses Jahr noch keinen Match gesehen, also interessiert mich auch das Finale nicht mehr. Die Motterasciohütte ist für mich nun der aktuelle Leader der besten Hüttenznächte. Es gab Lasagne! Leider hatte es von der Vegi Lasagne zu wenig, weil die Nicht-angemeldeten-Vegis von der Vegi-Lasagne geschöpft haben und es von der Fleisch-Lasagne aus diesem Grund noch viel übrig hatte. Aber ich hatte davor schon drei Teller Suppe, weil die auch schon so unfassbar fein war! Daher halb so schlimm.












Heute ist schon der letzte Tag mit Mama. Nach dem Frühstück steigen wir zum Lago Luzzone ab. Wir haben insgesamt nur noch knapp 2h zusammen, bevor sie nach Olivone ins Tal wandert und ich wieder aufsteige bis zum Soredapass. Dort wäre ich in die Via Alta Crio eingestiegen, was ich nun definitiv vom Plan gestrichen habe. Stattdessen geht es in Richtung Vals. Von Mama verabschiede ich mich. Es fällt ihr und auch mir schwer. Abschiede sind einfach doof. Und beim Wandern erst recht. Aber vielleicht kommt sie nochmals irgendwann mit. Wie cool ist es, dass ich eine Mama habe die Erstens meine Projekte so unterstützt und sich mit mir freut und Zweitens auch noch so fit ist, dass sie aktiv ein Teil davon sein kann. Auch wenn wir uns immer mal wieder gegenseitig nerven, sind solche Erlebnisse für mich sehr bereichernd und ich möchte diese niemals missen.
Der Aufstieg zum Soredapass ist rot/weiss markiert. Ich finde man hätte den Weg eigentlich auch schon als blau/weiss durchgehen lassen können. Es ist etwas anspruchsvoll, aber extrem schön! Endlich habe ich mal wieder Netz und deshalb setzte ich mich mitten im steilen Weg hin und komme erst eine Stunde später wieder los. Denn wenn man mal anfängt am Handy zu sein und seit langem mal wieder Netz hat, dann rasen die Minuten vorbei. Ich poste zum ersten Mal ein Update auf Insta (bisher habe ich nur via Podcast-Episode 7 https://open.spotify.com/episode/3PgnEKnskzkaBNYyLeDvkq mein Sommerprojekt erklärt), denn ich habe schon Nachrichten erhalten mit lieben Nachfragen, ob ich es ans Terrihüttenfest geschafft habe und ob ich noch unterwegs sei.
Auf dem Soredapass kommen mir zwei Frauen von der Via Alta Crio entgegen. So cool, zwei Frauen alleine! Das sage ich den beiden auch ungefähr so, und sie fragen, hä wieso? Ja weil man das nicht so oft sieht, Frauen alleine auf schwierigen Touren und weil es mich inspiriert, und sie für mich somit direkt ein Vorbild sind. Sichtbarkeit von Frauen in den Bergen macht etwas mit mir, es zeigt, hey vielleicht könnte ich das auch. Sonst sind es immer Männer, oder Männer die die Führung übernehmen und ihre Partnerinnen, die sie begleiten. Frauen alleine bzw. als Seilschaft in den Bergen sind immer noch ganz krass in der Unterzahl. Mein Abstiegstempo vom Pass zurück nach Graubünden ist erneut eher langsam, aber ich habe heute genug Zeit und mache auch Pausen und ausnahmsweise mal ein Foto oder Video mit mir drauf und stelle das Handy dafür auf ein gebautes Steinturm-Stativ. Im Tal angekommen folge ich dem Valser Rhein in Richtung Piz Adula. Dort finde ich die Läntahütte, die im Bergsturz-Brocken eingebettet ist. Die Hüttenwartin Barbara begrüsst mich freundlich und erklärt, dass sie mein Buch hier habe, es sei immer so ausgestellt, nicht nur heute für mich. Als sie die Hütte übernommen habe, wollte sie noch ein paar neue Bergbücher auf der Hütte präsentieren und eine Buchhändlerin habe ihr dann «VON WEGEN» empfohlen. Sie fragt mich, ob ich es signieren könne. Auch hat sie mir im Matratzenlager den Platz an der Wand direkt beim Fenster zugewiesen. Ich freue mich sehr und bedanke mich für den super Platz!
Eine Situation möchte ich noch kurz erzählen und nachher werde ich die Geschichten vom Buch reduzieren, immerhin geht es jetzt nicht mehr um die Via Alpina.
Ich sitze mit einem Paar am Znachttisch, wir sind zu dritt und die beiden sind etwa 55+ Jahre alt. Auf den ersten Blick wirken sie wie geübte Berggänger, die Kleidung und die Art wie sie sich geben, verrät mir jeweils schnell, wer oft unterwegs ist und wer nicht. Die Frau sitzt mir schräg gegenüber, der Mann neben mir auf der Bank. Direkt neben den beiden ist das Bücherregal und dort drin sehe ich dann auch mein Buch sehr prominent ausgestellt. Mit der Zeit bemerke ich, wie die Frau mich mustert. Sie nickt ihrem Partner zu und zwinkert zum Buch. Doch ich glaube er versteht es nicht. Denn sie nimmt mein Buch aus dem Regal, während wir die Suppe essen, und schlägt die letzte Seite auf, wo das Autorenbild von mir drin ist. Dann zeigt sie es (abgewendet von mir) ihrem Partner und nickt «diskret» in meine Richtung. Ich bekomme trotzdem alles mit, spiele das Spiel aber auch verlegen mit. Trotzdem sprechen sie mich nicht darauf an. Im Verlaufe des Abends kommen wir in ein Gespräch über die geplante Tour von ihnen und auch ich erzähle von der Graubünden-Tour, sie haben mich ja eh schon «erkannt». Den Abend verbringe ich noch draussen aus den grossen Steinbrocken, bevor ich ins Bett gehe.















Der Morgen war super entspannt und ruhig. Das Paar das mit mir am Znachttisch war, musste um 05.00 Uhr aufstehen und sie waren absolute Hüttenprofis, denn ich bin nicht erwacht! Das heisst sie waren ultra leise, schnell und hatten mich nicht mit der Stirnlampe aus Versehen angeleuchtet. Denn ich erwache trotz Ohrenstöpsel recht schnell auf, wenn etwas im Zimmer los ist. Aber man merkt schon, wer es beim Aufstehen im Griff hat (am Abend vorher gut gepackt und vorbereitet hat) und viel in Hütten ist, anstatt ewig lange im Rucksack rumwült, rumleuchtet und mit Säckli rumraschelt.
Heute ist schon Tag 13, bald ist die zweite Woche durch und ich wandere in Richtung Zapporthütte. Überraschend finde ich, dass ich auf dem Weg ein Paar sehe, die gerade ihr Zelt zusammenpacken. Ich hatte die beiden gestern schon gegen ungefähr 16.00 Uhr angetroffen, da waren sie eigentlich auch schon fast bei dieser Stelle angekommen. Wir waren fast bei der Hütte und ich nahm an, sie übernachten auch dort. Aber sie hatten gezeltet und das wirklich mitten in einer grossen Herde von Mutterkühen. Und die waren schon gestern Nachmittag dort und auch heute Morgen wieder. Nur wenige Meter weiter wäre der Zaun gewesen, dort hätte es keine Kühe mehr gehabt. Komisch, diesen Schlafplatz hätte ich mir niemals ausgesucht, vor allem wenn ich ja noch genug Zeit und Tagesllicht gehabt hätte für eine bessere Lösung. Weil ich noch Mühe mit meinen Knien habe, entscheide ich mich heute für den gleichen Weg, wie den ich gestern Abend zur Hütte gewandert bin. Denn übers Furggelti (eine direktere Route) wären es mehr Höhenmeter Auf- und Abstieg, sodass es strenger, länger und nicht knieschonend wäre. Daher wandere ich gemütlich zum Zervreilastausee und habe wieder Netz, sodass ich mich ins Grass setze und ein paar Routen Checks mache und ein Bett in der Zapporthütte reserviere. Das geht mittlerweile so easy mit dem online Buchungssystem.
Nach dem Stausee geht es blau weiss bergauf zur Canallücke. Meine Aufmerksamkeit wird gefordert, damit ich die Markierungen nicht verliere. Zu Beginn habe ich wie immer Mühe mit dem Aufstieg (konditionell), doch umso weiter ich nach oben komme, desto besser flowt es dann doch noch. Schon von unten sehe ich auf der Canallücke (Passübergang) einen Zaun mit einigen Plakaten und bin neugierig, was darauf steht. Eine Vermutung habe ich allerdings schon. Oben angekommen beginnt es leicht zu tröpfeln. Mir ist vom Aufstieg trotzdem noch richtig warm, also nutze ich die Gelegenheit, um kurz zu verschnaufen, etwas abzukühlen und mir die «Plakate» genauer anzusehen. Tatsächlich sind es die gleichen Plakate wie schon am Beginn der blau-weissen Route beim Zervreilastausee. Für jeden Herdenschutzhund in diesem Gebiet gibt es ein Bild, seinen Namen (Yoda, Sulti, Suri und Cindy) und eine kleine Beschreibung. Ich finde das richtig cool. Bisher kannte ich so etwas eigentlich nur aus Frankreich und sehe es zum ersten Mal auch in der Schweiz. Besonders schmunzeln musste ich bei einem Hund – Yoda. Auf dem Schild steht, dass er schon ein erfahrener Herdenschutzhund sei, aber leider von Wanderern immer wieder etwas zu essen bekommen habe. Deshalb folge er manchmal den Leuten. Sollte er einen einmal nicht mehr in Ruhe lassen, könne man bei der aufgelisteten Nummer anrufen. Ach Yoda, I feel you. Ich finde es super, wenn man weiss, welche Hunde hier unterwegs sind, dass sie ihren Job machen und wie man sich richtig verhält. So lernt man stets dazu.
Der Abstieg von der Canallücke zur Zapporthütte ist steiler und etwas anspruchsvoller als der Aufstieg, dafür ist der Weg einfacher zu finden und besser markiert. Den ganzen Tag begegnet mir auf dieser Route gerade einmal ein anderer Wanderer, der wohl ungefähr zehn Jahre jünger ist als ich. Ansonsten habe ich den Weg komplett für mich allein. Auch Schafe und Herdenschutzhunde sah ich gar nie. Unten angekommen wartet eine kleine, sehr authentische Berghütte auf mich. Ich hatte sie zwar schon einmal gegoogelt um einen Eindruck zu bekommen. Vor der Hütte sitzt ein Mann, der mich direkt fragt, woher ich komme und wohin ich unterwegs bin. So entstehen irgendwie fast immer die ersten Gespräch auf der Hütte.
Die Hütte ist etwas speziell, weil sie nicht nur von Wanderern besucht wird. Eigentlich endet der Weg hier fast in einer Sackgasse und wegen des Schiessplatzes in der Gegend gibt es nämlich zudem starke Einschränkungen. Entsprechend treffe ich hier viele Bergsteiger, die mit Pickel, Seil und deutlich ambitionierteren Tourenzielen unterwegs sind als ich und nicht auf Wanderwegen wandern. Bevor es Abendessen gibt, kann ich mich noch etwas waschen. Das funktioniert hier mit einem Krug Wasser, so habe ich mich tatsächlich noch nie gewaschen. Fast wie eine kleine Dusche und deutlich einfacher als die Katzenwäsche mit dem Waschlumpen. Wasser hat es jedenfalls genug. Nach der Dusche ist mir aber etwas kalt und ich gehe zurück in die Hütte. Eigentlich hätte ich jetzt noch grosse Lust auf ein Stück Kuchen. Als ich danach frage, meint die Hüttenwartin zuerst, sie habe keinen mehr. Kurz darauf sagt sie aber doch: “Also eigentlich hätte ich schon noch welchen. Der ist einfach schon etwas alt und ich würde ihn nicht mehr verkaufen.” Ich frage nur, ob er denn schlecht sei. Das verneint sie sofort und erzählt, dass sie selbst gerade erst ein Stück gegessen habe. Also nehme ich ihn natürlich trotzdem. Vielleicht war er nicht mehr ganz frisch, aber mir schmeckt er trotzdem. Auch mit Kuchen im Bauch wird mir nicht wärmer. Deshalb lege ich mich noch kurz ins Bett und schlafe tatsächlich etwa vierzig Minuten ein.
Beim Abendessen sitze ich mit Matthias und Gian am Tisch. Im Gespräch erzählt Gian, dass er halb aus dem Bergell und halb aus dem Calancatal stammt, und auch Matthias kennt sich in der Gegend des Calancatal bestens aus. Das passt perfekt, denn genau dorthin möchte ich als Nächstes. Eigentlich hatte ich meine Route wegen der Via Alta Crio schon komplett umgeplant und wollte ins Calancatal absteigen (von Valbella bis ca. Arvigo), später wieder hinaufsteigen und den Sentiero Alpino Calanca nach Norden wandern. Während unseres Gesprächs erzählt mir Matthias dann aber von einem Höhenweg auf der Misoxer Seite, von dem ich bisher überhaupt nichts wusste. In meinen Karten sind höchstens einzelne kurze Abschnitte (wirklich ganz kurz und gepunktet) eingezeichnet, aber nichts, was nach einer zusammenhängenden Route aussieht. Das fand ich schade, weil das Misox einfach keine gute zusammenhänge Route hatte. Matthias versichert mir aber, dass es diesen Weg wirklich gibt. Er sei ungefähr im T4-Bereich, teilweise markiert und zusammen mit seiner Frau bereits einen Abschnitt davon gegangen. Sofort beginnt es in meinem Kopf zu arbeiten. Planänderung: Ich könnte den Sentiero Alpino Calanca von Norden nach Süden wandern, dann ins Misox absteigen und diesen Misoxer Alpinweg von Süden nach Norden der Bündner Grenze entlang zum Splügenpass wandern. Mit dieser Idee gehe ich schliesslich schlafen. Ich bin richtig begeistert, weil sich plötzlich eine Lösung abzeichnet, die sich stimmiger anfühlt als mein ursprünglicher Plan. Leider habe ich hier oben überhaupt kein Netz und kann nichts recherchieren oder planen.











Am nächsten Morgen geht es zunächst in Richtung Hinterrhein. Ich dachte eigentlich, das würde eine gemütlicher erster Etappeabschnitt werden. Schliesslich geht es “nur” ins Tal hinaus. Tatsächlich führt der Weg aber ständig auf und ab, immer wieder mit Ketten gesichert, sodass ich mich weiterhin konzentrieren muss. Netz habe ich immer noch keines. Dabei ist mir in der Nacht eingefallen, dass ich einen Bergführer aus dem Misox kenne. Sobald ich Empfang habe, möchte ich ihn unbedingt fragen, ob es diese Route wirklich gibt, wie anspruchsvoll sie ist und ob sie für mich sinnvoll wäre. Als ich wieder Netz habe, schicke Chrigel meine Nachricht und wenige Minuten später klingelt bereits das Telefon. Er steht gerade mit einem Gast auf dem Rosenhorn im Berner Oberland und nimmt sich trotzdem Zeit für mich. Er bestätigt alles, was Matthias erzählt hat. Den Weg gibt es tatsächlich. Er bewegt sich ungefähr im T4-Bereich, ist markiert und ursprünglich war sogar geplant, daraus einen richtigen alpinen Höhenweg zu machen. Nach einem tödlichen Unfall sei das Projekt aber etwas eingeschlafen, weil vieles auf Freiwilligenarbeit basiere. Er verspricht mir ausserdem, mir später noch einige Routendetails einzuzeichnen und zu schicken. Ich bin ihm unglaublich dankbar.
In Hinterrhein beginnt schliesslich der Aufstieg zum San-Bernardino-Pass. Eigentlich wäre der gar nicht so schlimm gewesen, wären da nicht die Kühe. Kurz vor mir setzt sich eine riesige Herde in Bewegung, auf dem vermeintlichen Wanderweg. Irgendwann merke ich aber, dass der eigentliche Wanderweg woanders verläuft. Nur ist dort kaum ein Weg zu erkennen, eher dichter Bewuchs als Wanderweg. Am Ende befinde ich mich plötzlich auf gleicher Höhe wie die Herde und die Kühe kommen mir sogar entgegen. Ich lege einen ziemlichen Zahn zu und bin froh, als ich sie hinter mir gelassen habe. Oben auf dem Pass komme ich völlig ausser Atem an. Eigentlich wollte ich hier Mittag essen, aber die Atmosphäre und auch das Essen (alles nur Fleischgerichte auf der Karte) machen mich überhaupt gar nicht an. Für den Abend habe ich nur noch meine Darvida und ein paar Kleinigkeiten dabei, weil ich im Biwak übernachten werde. Zuerst halte ich aber noch kurz am See und kühle die Beine im Wasser ab. Baden hätte ich eigentlich auch gerne wollen, aber dafür sind mir einfach zu viele Leute unterwegs. Ohne richtige Badesachen fühle ich mich doch etwas beobachtet und lasse es deshalb bleiben. Danach mache ich mich lieber wieder auf den Weg. Ich habe mich entschieden nun direkt auf den Sentiero Alpino Calanca einzusteigen. Die Alternative wäre gewesen, nach San Bernardino Dorf abzusteigen und von dort wieder aufzusteigen. Das wäre zwar etwas kürzer gewesen, aber ich wollte lieber auf dem Höhenweg bleiben. Er gehört zur offiziellen Route meiner Wanderung und sah auf der Karte einfach viel schöner aus. Rückblickend war das definitiv die richtige Entscheidung.
Als ich am San-Bernardino-Pass loslaufe, ist es bereits zwei Uhr nachmittags. Bis zum Rifugio Pian Grand liegen noch rund fünf Stunden vor mir und ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob ich es heute noch bis dorthin schaffe. Beim Pass Passit entdecke ich ein kleines Nothüttchen und werfe einen Blick hinein. Zwischen jeder Menge Mäusekot liegt ein Brief von jemandem, der sich bedankt, hier während eines Gewitters Schutz gefunden zu haben. In so einem Moment spielt es keine grosse Rolle mehr, wie sauber eine Hütte ist. Hauptsache, man ist trocken und in Sicherheit.
Der Weg zieht sich danach noch einmal ordentlich hin. Über einen ersten Pass, danach über eine weitere Geländekante und noch einmal bergab, bevor endlich die markanten Dreiecke des Rifugio Pian Grand auftauchen. Schon von Weitem sehe ich eine Person neben dem Biwak stehen und denke zuerst: Ach schade, ich hatte irgendwie gehofft, heute ganz allein hier oben zu sein. Ich habe das Rifugio (oder Biwak – unbewarteter Schutzraum) bewusst nicht reserviert, weil ich bis zuletzt nicht wusste, ob ich es überhaupt noch bis dort hin schaffen würde. Kurz vor der Hütte komme ich an einer Tafel vorbei, die darauf hinweist, dass sich hier eine sensible Schutzzone befindet und Zelten sowie Biwakieren verboten sind. Das hatte ich auch auf der Karte bereits so gesehen und mir gemerkt. Fast gleichzeitig sehe ich unten an einem kleinen See zwei junge Männer, die dort ihr Nachtlager aufgebaut haben und gerade kochen. Das überrascht mich schon etwas. Nach all den Hinweisen wirkt das ziemlich respektlos.
Im Rifugio frage ich drei Männer die schweizerdeutsch sprechen, ob noch ein Schlafplatz frei ist. Sie bestätigen, dass es noch freie Plätze hat. Die beiden Dreiecke haben insgesamt 17 Plätze und es sind etwas 12 Personen hier. Wäre die Hütte voll gewesen, hätte ich wohl direkt daneben (oder im Essraum) übernachtet, weil das vermutlich den kleinsten zusätzlichen Einfluss auf die Umgebung gehabt hätte. Also quasi ein Notbiwak. Aber solange noch Platz vorhanden ist und hier ausdrücklich nicht biwakiert werden soll, ist für mich klar, dass ich natürlich in der Hütte übernachte, auch wenn ich Lust gehabt hätte auf eine Outdoor-Nacht. Ich war sehr spät hier, gegen 20.00 Uhr. Etwa eine Stunde später treffen nochmals Wanderer ein. In diesem Moment werde ich kurz etwas nervös. Ich habe schliesslich nicht reserviert und denke sofort, dass die, die reserviert haben natürlich Vorrang haben, falls sie ihren Schlafplatz gebucht haben und die Hütte voll wird. Zum Glück bleibt es bei dieser Gruppe und niemand kommt mehr dazu. Sonst hätte ich mein Platz aufgeben müssen.
Zum Abendessen gibt es bei mir nur ein paar Snacks. Dadurch komme ich mit drei jungen Männern aus dem Thurgau ins Gespräch. Sie bieten mir ein paar getrocknete Mangos an, die ich selbst (also meine Packung) schon längst aufgegessen habe. Die Männer laden sie mich gleich noch zum Frühstück ein, sie hätten viel zu viel dabei. Ich könne auswählen, es hätte beispielsweise Porridge mit Äpfeln und Zimt im Angebot. Das klingt verlockend. Es stellt sich heraus, dass sie am nächsten Tag genau dieselbe lange Etappe geplant haben wie ich und ebenfalls das Rifugio Ganan auslassen wollen. Also beschliessen wir kurzerhand, am nächsten Morgen gemeinsam nach dem Frühstück aufzubrechen. Vor dem Schlafengehen kann ich mich an einem der kleinen Seen rund um das Rifugio noch etwas abkühlen und frisch machen. Das Biwak gefällt mir richtig gut. Es ist einfach, aber durchdacht eingerichtet und liegt an einem wunderschönen Ort. Ich finde, solche Unterkünfte sind eine grossartige Sache. Entsprechend gut schlafe ich auch ein.














Zum Schluss noch ein 2-Wochenfazit:
Ich hatte noch nie Muskelkater, wie krass ist das – nach so wenig sportlicher Vorbereitung auf die Via Rätia! Und ich glaube jetzt bin ich im Flow, ich merke wie sich der Stress allmählich abbaut, das jeder Tag ein 50/50 Tag ist, heimgehen oder weitwandern. Mein Körper macht es so gut und ich fühle mich nun eingelaufen. Ich denke jetzt kommt es gut!
Ergänzung:
Ich merke gerade, dass ich mich mehr aufrege als früher. Vor allem über das Verhalten der Menschen in den Bergen. Auf Instagram sehe ich die wildesten Sachen und bin manchmal ziemlich schockiert. Aber nicht nur auf Instagram, sondern auch direkt am Berg habe ich einige Situationen erlebt, die bei mir Besorgnis auslösen. Es hat sich in den letzten sechs Jahren (als ich beispielsweise auf der Via Alpina war und darüber berichtete) zu heute recht viel verändert. Es gehen mehr Leute in die Berge, was grundsätzlich schön ist. Denn umso näher an der Natur, desto mehr ist man auch verbunden und möchte diese doch auch schützen. Ich möchte keine «Schimpferin» werden, denn auch ich mache nicht alles perfekt und habe besonders zu Beginn meiner Zeit in den Bergen viele Fehler gemacht. Ich wusste es einfach nicht besser und habe mich zu wenig informiert. Aber ich möchte meine Plattform und Reichweite trotzdem nutzen, solche Themen zu erwähnen, damit die Leute die diese Blogbeiträge lesen, diese Fehler nicht machen. Viele dieser Themen erkläre ich auch in meinem neuen Podcast. Wie zum Beispiel das Biwakieren und Wildzelten in der Schweiz, oder das korrekte Verhalten auf Berghütten.
Danke, dass ihr mithelft, die Berge zu schützen, euren Abfall wieder ins Tal trägt, kein Geo-Tagging macht und euch für eure eigene Sicherheit informiert, was ihr vorhabt und wie das Wetter sein wird. Ich weiss, es ist teilweise echt kompliziert.. all diese Regeln! Aber es ist wichtig, denn die Konsequenz sind Verbote und Einschränkungen, weil die Natur unter uns leidet.
Danke, dass ihr euch Gedanken macht, wie man verantwortungsvoll in den Bergen unterwegs ist.




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