HIKING SCHWEIZ

Via Rätia: Woche 3 – neue Wanderfreunde und fast Abbruch

Als ich aufwache sind zwei von den drei Thurgauern schon draussen, um heute den Sonnenaufgang zu sehen. Ich bleibe noch etwas liegen und stehe erst um 06.00 Uhr auf, um auf die Toilette beim Biwak Pian Grand zu gehen. Vom WC ohne Türe sehe ich dann genau wie die Sonne aufgeht. Zurück im Biwak wird mir mein Frühstück serviert (wia hani das verdiant?!), ein Field Meal Päckli: Porridge mit Apfel und Zimt, gesponsert von Oli (bzw. der Schweizer Armee). Es ist eine riesige Portion, sodass sie mir beim fertig essen aushelfen müssen. Nach dem Essen wird gepackt und wir wandern zu viert los. Das ist schon etwas witzig, wenn man sonst alleine ist und auf einmal bin ich Teil eines Boys-Trips in die Berge. Ich sage immer wieder, sie müssen mich nicht mitnehmen und können jederzeit «davon wandern». Aber irgendwie sind wir dann trotzdem den ganzen Tag gemeinsam unterwegs. Der Tag beginnt mit einem rassigen «Kaltstart» auf den ersten Pass. Vom Tempo her ist es mir ein wenig zu schnell, aber ich komme mit. Ich bin meist langsamer, aber mit wenigen, dafür grösseren Pausen unterwegs. Wir kraxeln über ein paar Blöcke und steigen nach dem Pass wieder ab, bis zum Trescolmen See. Der ist so schön! Auf der Via Alpina im 2020 kam ich hier auch schon vorbei und habe im See gebadet. Wir überholen ein deutsches Paar, welches auch im Biwak geschlafen hat und wandern weiter. Denn der Wegweiser zur Buffalorahütte hatte heute 8 Wanderstunden angezeigt. Meine App sagt mir es sind 6.36 Stunden. Wobei ich sagen muss, dass ich aktuell doch recht dran bleiben muss, um meine App-Zeit wirklich zu schaffen. Wir machen ein paar kleine Trinkpausen und ich merke, dass ich heute schwere Beine habe. Der Grund ist wohl die gestrige Etappe, wo ich von 07.30 Uhr bis fast 20.00 Uhr gewandert bin und im Gesamten vielleicht 2 Stunden Pause hatte. Eine ziemlich lange Etappe war das. Nach 4 Stunden kommen wir beim Rifugio Ganan an. Wir waren schon 1 Stunde schneller als der Wegweiser und eigentlich ist dieses Biwak das Etappenziel.

Wir machen eine Snack-Pause und füllen unsere Wasserreserven auf. Ich muss nicht mal mein Foodbag auspacken, schon bekomme ich Brot und Käse von Samuel. Nach der kürzeren Mittagspause wollen wir zum «Herzlisee». Den sollten wir um circa 14.30 Uhr erreichen und wollen die grosse Pause mit Baden erst dort machen. Der Herzlisee ist in echt übrigens genau so schön, wie auf den Werbefotos! Nachdem alle im Wasser waren und sich abgekühlt hatten (die meisten freiwillig, jemand unter Gruppenzwang ;)), gibt es für mich wieder etwas zu essen. Als Grande Finale kocht Marco mir eine Pasta Napoli Portion. Alle drei von ihnen haben mich extrem grosszügig mit Essen versorgt und zudem haben sie mich heute in ihre Gruppe aufgenommen, als gehörte ich dazu. Ich mache eine Bemerkung in etwa so: Schon nett, dass ihr euer ganzes Essen mit Fremden (mir) teilt. Samuel sagt dann, wenn man 30 Minuten mit jemandem wandert, ist diese Person keine Fremde mehr. Stimmt schon. Es ist auch lustig mal einen Tag in einer mir noch unbekannten Gruppendynamik unterwegs zu sein. Oli der Planer und Leader des Wandertrips ist auch der fleissige «Föteler». Er fragt mich, ob er ein paar Fotos beim Wandern machen soll, weil wenn ich alleine sei, mache das ja sonst niemand für mich! Schlussendlich bekomme ich ultra viele super Fotos ge-air-droppt, die nun den Blog füllen. Nach dem Herzlisee brauchen wir nur noch eine Stunde zur Buffalorahütte im Calancatal. Das deutsche Paar hat uns aber überholt und so starten wir die Mission, die Führung wieder zu übernehmen. Schlussendlich kommen wir ohne Mühe vor ihnen an und freuen uns, dass wir die Etappe tatsächlich in 6 Stunden und etwa 40 Minuten geschafft haben. Die Route ist ein Traum! Aber sie ist schon nicht ohne, man musste sich den ganzen Tag konzentrieren. Man hätte viele Male in den Tod stürzen können, wenn man stolpert. Das macht den Kopf schon recht müde.

Debora und Aurel führen die Buffalorahütte – die einzige bewartete Hütte auf dem Sentiero Alpino Calanca – für zwei Wochen, dann wird gewechselt. Es gibt sogar ein Welcome-Sirup! Debora kommt zu mir und sagt etwas besorgt, sie habe mich nur mit 1 Schlafplatz vermerkt, und nicht 4. Sie seien jetzt grad im Stress mit dem Essen! Aber das Problem löst sich auf, denn natürlich haben die drei unter ihrem Namen auch reserviert. Die Hütte ist so schön gelegen, ein Traum. Merkt euch diese unbedingt! Ab Rossa sind es glaube ich knapp 3 Stunden. Ich habe zudem mal wieder viel Glück und bekomme ein Zimmer für zwei Personen zur Einzelnutzung. Und es gibt eine Dusche, die aber extrem kalt ist. Der Herzlisee war einiges wärmer. Ich will trotzdem meine Haare mal wieder mit Schampoo waschen und so bringe ich den mehrfachen Brain-Freeze mit ein paar Pausen hinter mich und bin danach endlich wieder frisch. Gewaschene Haare sind immer so ein gutes Gefühl!

Beim Znacht bin ich an einem anderen Tisch als Marco, Samuel und Oli eingeteilt und plaudere ein bisschen mit allen. Den beiden Deutschen und einem Paar aus Basel. Nach dem Hauptgang gehe ich nach Draussen in die Hängematte für den Sonnenuntergang. Die Jungs und auch alle anderen Gäste machen das Gleiche. Aurel serviert den Dessert und wir geniessen die Abendstimmung. Ich muss es nochmals sagen: Es gefällt mir hier sehr gut! Nach dem Dessert gehen wir wieder rein und zwei andere Männer jassen mit Samuel und Marco, Oli und ich spielen das 10’000er Spiel. Ich gebe als Dank für die die Verpflegung der letzten 24 Stunden eine Lutz-Runde aus und trinke ausnahmsweise einen Röteli. Nach zwei Spiel-Runden gehe ich schlafen, da es schon 22.00 Uhr ist. Es war ein richtig cooler Tag! Und wieder denke ich, dass es doch verrückt ist, wie schnell man sich beim Wandern mit anderen Menschen verbindet und aufeinander zugeht. Das ist etwas vom Schönsten, am in den Bergen unterwegs zu sein.

Auf heute freue ich mich sehr! Denn ich werde bald einen Pausentag machen! Gemeinsam starten wir bis zum Buffalorapass, das sind nur 30 Minuten. Dort sehen wir noch ein paar Steinböcke und machen ein Abschiedsselfie. Oli, Samuel und Marco wandern die Schlussetappe auf den Sentiero Alpino Calanca. Ich steige ab nach Soazza. Danke an dieser Stelle an die drei, es war mir eine Freude, mit ihnen unterwegs sein zu dürfen.

Der Abstieg dauert 3 Stunden und ich habe nie Netz. Denn eigentlich will ich Hotels in der Gegend recherchieren. Auch trödle ich etwas rum, habe keine Lust auf den langen Abstieg, aber bemerke, dass meine Knie nicht mehr weh tun. Juhu ich glaube sie sind nun wieder kräftig genug, bzw. meine Oberschenkel sind wieder stark und können meine Knie entlasten. Finally, jetzt fühlt es sich wirklich an, als wäre ich eingewandert. In Soazza entscheide ich mich nach Mesocco zu wandern und plane in Bellinzona einen Pausentag zu machen. Danach will ich von Mesocco wieder aufsteigen auf den «Misoxer Höhenweg», den es offiziell nicht gibt. Meine Füsse tun ultra weh und ich kühle sie im Brunnen ab, bevor ich im Coop vor allem Früchte einkaufe und eine Kinder Schoggi. Danach bringt mich der Bus bis Bellinzona, wo ich im Hotel einchecke und kurz in der Stadt nach Wandersocken suche und finde. Meine sind soo abgerieben und die anderen die ich noch dabei hätte sind mir nun doch zu dick und warm. Leider sind die neuen Socken in einem grellen rot/pink, was mir gar nicht gefällt, aber es gab keine anderen. Meine Kleidung habe ich im Hotel abgeben, um sie waschen zu lassen und ich habe nach einem Nähset gefragt, um Löcher in meinen Hosen zu flicken. Zum Schluss des Tages gibt es noch eine Pizza. Ich telefoniere noch mit meinen beiden Brüdern, die mich ohne das wir abgemacht hatten, zeitgleich anrufen, um zu plaudern. Mit Andri verabrede ich mich spontan, um den morgigen Pausentag gemeinsam zu verbringen.

Bis 13.00 Uhr bin ich busy! Die Selbständigkeit schläft nie und auch wenn ich während meiner Wanderung sehr fleissigen Support habe, so muss ich auch immer mal wieder ein paar Aufgaben erledigen. Ich bin ein bisschen gestresst, da ich auch noch einen Blogpost hochladen will und mal wieder grosse Probleme mit dem WordPress App habe. Schlussendlich klappt es über Umwege und der erste Blogpost ist online. Aber da auch die zweite Woche schon durch ist, muss ich eigentlich direkt weitermachen und die nächste Woche aufschreiben. Irgendwann wird es aber Zeit aufzubrechen, weil Andri ist um 13.15 Uhr in Bellinzona ankommt und mich abholt. Ich kaufe im Coop noch ein paar feine Sachen, denn Andri ist schon hungrig, da er am Morgen um 06.00 Uhr noch den Klettersteig Pinut gemacht hat. Von Bellinzona fahren wir ins Valle Verzasca. Eigentlich eine total dumme Idee, an einem schönen Samstag im Hochsommer. Das Tal ist voll mit Touristen wie uns! Natürlich sind auch alle Parkplätze besetzt. Aber wir haben tatsächlich Glück und finden einen super Platz und laufen an die Verzasca.

Wir kommen schon seit Jahren immer mal wieder hierher und haben viele Kindheitserinnerungen. Da gibt es eine witzige Geschichte, wie wir unsere Mama (ich war 13 oder 14, Andri etwa 8 und Gian 11) jedes Mal gefragt haben, ob wir von der Lavertezzo-Brücke springen dürfen. Sie hat immer Nein gesagt. Die Brücke ist über 10 Meter hoch vielleicht so 14? Wir liebten es damals in die Tessiner Lidos zu gehen und vom 10 Meter zu springen. Das Ziel etwas höheres als 10 Meter zu finden, hatten wir in Lavertezzo gefunden. Nur Mama war gar nicht begeistert. Doch einmal gab sie nach, weil sie dachte wir würden uns eh nicht trauen. Sie sagte: Okay ihr dürft springen (JUHUUU!), wenn ihr diesen Mann dort (ein fitter Bodybuilder-Typ, haha lustige Wahl, sagt ja nicht viel über seine Schwimmqualitäten aus) fragt, ob er euch rausfischt wenn etwas wäre. ich kann auch nicht gut retten. Also sind wir drei zu diesem Mann hin und haben ihn gefragt. Dieser hat seinen Job angenommen und so sind wir alle drei von der Brücke gesprungen. Wilde Geschichte. Zuerst Gian, der Mutige von uns. Dann ich, das Mädchen. Das war schon eine Sensation. Aber alle haben zugeschaut, als Andri als Letzter, er war wirklich noch ein kleiner Junge, auch auf das Steingeländer stand. Es kamen sogar fremde Menschen auf die Brücke, um uns zu helfen. Sie gaben uns die Hand, damit wir gut vom Rand der Brücke springen konnten. Es wurde gejubelt und geklatscht. Das werde ich nie vergessen und denke immer wieder, was meine Mama mit uns dreien alles durchmachen musste.

Jedenfalls verbringen Andri und ich einen extrem schönen Tag an der Verzasca. Wir klettern herum und machen ein paar Fotos. Beide sind wir sprachlos, wie schön es hier ist. Auch wenn man schon so viele Male hier war. Gleich ergeht es mit bei jedem Caumasee-Besuch zu Hause in Flims.

Gegen 18.00 Uhr wollen wir langsam los. Ich habe gerade meine Sachen gepackt und gehe zu Andri, als es passiert. Auf einem riesigen flachen Stein, absolut harmlos, verknicke ich meinen rechten Fuss und stürze auf mein linkes Knie und schlage auch noch das Iphone mit viel Schwung auf den Stein. Es geht alles so schnell und Andri versteht erst gar nicht, was jetzt grad passiert ist und wieso ich gestürzt bin. Ich bleibe liegen. Mein Fuss.. Scheisse! Es vergehen ein paar Sekunden und ich brauche einen Moment, um die Situation einzuordnen. Ich spüre bereits den mir (leider) bestens bekannten Schmerz im Fuss. Es ist die gleiche Stelle, der gleiche Fuss, bei welchem ich im März die Bänder angerissen hatte. Das ist mir in meinem Leben nun schon ein paar Mal passiert und ich kann mittlerweile genau sagen, ob ich grad nochmal Glück hatte, oder ob das jetzt ein bisschen zu heftig war. Dieses Mal tendiere ich zum Zweiten. Das war ein mittelfester Verknicker. Andri lagert mein Fuss direkt hoch und ich fange an zu heulen, als ich realisiere, was das jetzt wohl bedeuten wird. Er fragt was denn genau passiert ist und ich kann es nicht wirklich erklären. Er sagt, meine Birkenstock seien sicher schuld und dass ich wohl zu wenig Krafttraining für den Fuss gemacht hätte. Nützt nun leider auch nichts mehr. Ich heule ein bisschen und er tätschelt mir trostspendend den Arm und sagt ich solle den Fuss besser gleich im kalten Verzasca-Wasser kühlen gehen. Es dauert einen Moment bis ich mich sammle und das schaffe. Ich kann knapp drauf stehen und wir sehen schon wie die Schwellung startet. Oh noooo… so gerne würde ich die Sekunden zurückdrehen und achtsamer gehen, auf meine Füsse schauen. So wie ich es jeden Tag in den letzten zwei Wochen gemacht habe, weil ich so gestresst war von dieser Vorstellung. Nun passiert es am Pausentag!!!

Ich sage immer wieder, dass ich es so unfair finde, genau jetzt, wo es endlich langsam gut läuft. Andri sagt, ich darf nicht vom Schlimmsten ausgehen. Irgendwann raffe ich mich zusammen und wir brechen auf. Ich bin selbstbewusst hier angekommen, hatte noch gesagt, dass das der tollstmögliche Pausentag ist. Und nun humple ich geknickt davon. Andri holt das Auto und lädt mich auf. Eigentlich wollten wir noch gemeinsam Abendessen, aber grad ist mir eher schlecht. Aber ich möchte den sonst wirklich schönen Tag jetzt auch nicht verderben.

Wir fahren nach Ascona, chillen ein bisschen auf einer Bank am See, bis es mir besser geht. Dann gibt es doch noch eine Pizza für beide und nachher bitte ich Andri mich ins Hotel zu bringen. Ich will optimistisch bleiben und morgen schauen, wie es dem Fuss geht. Vielleicht ist es ja doch weniger schlimm als erwartet. Doch in der Nacht habe ich trotz Schmerzmittel Mühe mit Schlafen und ahne schon, worauf das hinsteuert…

Der nächste Morgen ist grau. Das Wetter ist schlecht und meine Stimmung ist es auch. Ich setze mich auf, Füsse auf den Boden und prüfe wie es meinem Fuss geht. Nicht gut. Ich kann schlecht belasten. Ich überlege noch etwas hin und her.. Denn ja, auch so könnte ich mich irgendwie den Berg hochkämpfen (es wären fast 2000 Höhenmeter Aufstieg). Das weiss ich. Aber das macht keinen Sinn. Es soll mir Freude machen und ich muss nicht um jeden Preis den Berg hochkommen. Es geht nicht um Leistung, sondern um das Erlebnis. Schlussendlich entscheide ich mich an diesem Sonntag um 11.00 Uhr den Bus von Bellinzona nach Graubünden zu nehmen. Ich teile dies meiner Familie mit und schon bekomme ich ein Abholungsangebot von Gian. Schlussendlich ist es aber meine Mama, die mich in Thusis auflädt und nach Hause bringt. Das schätze ich sehr an meiner Familie, dass sie in solchen Situationen immer supporten, wo es geht. Angekommen in Flims, in meiner Wohnung erledige ich einige Sachen und wasche meinen Rucksack 2x 4h Stunden im Hygiene-Programm mit extra Hygiene-Waschpulver. Er stinkt nämlich. Von Andri bekomme ich ein spezielles Kühlungsgerät gebracht. Ich muss es dreimal täglich nutzen und tatsächlich, die Schwellung geht ziemlich schnell wieder weg. Ich kann auch schon wieder den Fuss belasten. Die Zeit zuhause nutze ich für die Arbeit und plane am Mittwoch wieder zu starten. Nun bin ich etwas hinterher in meinem Plan, daher überarbeite ich meine Etappenliste und wage einen neuen Versuch.

Ich bin es mir gewohnt, schnell versuchen das Positive in doofen Situationen zu erkennen. Daher liste ich diese hier auf:

  • Ich konnte in meinem bequemen Bett schlafen und das tat sehr gut!
  • Meinen Rucksack konnte ich endlich waschen und er stinkt nicht mehr (das hatte mich sehr gestört!)
  • Meine Nägel habe ich frisch lackiert und ich habe endlich mal wieder Haarspülung benutzt, meine Haare sind jetzt weniger “strohig“
  • Ich habe Zeit mit meiner Familie verbracht und war kurz am Caumasee
  • Ich konnte einen weiteren Blogpost hochladen und habe diesen am Laptop geschrieben und nicht wie sonst jeweils sehr umständlich am Handy
  • Ich bin erleichtert, dass ich zwei Arbeitstage hatte und viel erledigen konnte, was ich sonst mit dem Handy hätte erledigen müssen. Das wird mich jetzt für eine Weile entlasten, juhu!
  • Meine Essensgelüste nach Salat und Hallumi konnte ich stillen
  • Die Routenplanung konnte ich überarbeiten
  • Meine Rucksackinhalte konnte ich anpassen und habe jetzt wieder meine Mini-Gamaschen dabei. Ich habe sie zuhause gelassen, weil ich finde sie sehen so doof aus. Aber es war unendlich nervig mit den vielen Steinli, Sand, und Pflanzenstücken die pieksen und sich immer in kürzester Zeit im Schuh sammeln. ultra nervig!


Neustart

Es ist Mittwochmorgen. Sonntag, Montag und Dienstag habe ich pausiert und meinem Fuss geht es besser, aber ich hinke noch leicht und mein Knie hat eine Schürfwunde. Let’s see, wie und ob das heute funktioniert. Es gibt aber noch eine erfreuliche News! Relativ spontan hat sich Seline, eine Skilehrer-Freundin von mir, sich meiner Wanderung angeschlossen und wird drei Tage mit mir mitwandern. So fährt meine Mama mich und Seline von Flims nach Thusis, damit wir danach mit dem Bus nach Mesocco reisen können.

In Thusis steigen wir fast in den falschen (direkten) Bus nach Bellinzona ein. Glücklicherweise schaffen wir es dann doch problemlos nach Mesocco. Seline und ich sparen uns ein paar Gespräche auf, für den richtig harten Aufstieg von Mesocco bis zum Passo di Sancia, knapp 2000hm. Beispielsweise habe ich ihr nicht die doofe Geschichte erzählt, wie ich mir den Fuss vertreten habe. Wir steigen bei Mesocco Posta aus, am gleichen Ort wie ich abgereist war und ich schalte wieder mein GPS fürs Tracking ein. Nach dem Startfoto gehen wir die Herausforderung um 10.00 Uhr an. Wir müssen es nicht Schönreden, heute wird es wahrscheinlich nicht sehr toll. Es ist bekannt, dass diese Strecke sehr steil ist. Die ersten 700 Höhenmeter bis zur Alpe Stabi gehen aber bestens. Es ist ein schöner Weg durch den Wald. Mein Fuss tut weh, aber der Schmerz ist aushaltbar und nicht zu gross. Bei der Alp Stabi wollen wir eine erste Pause machen. Gerade als ich den Rucksack absetze und zum Brunnen laufe, kommen wir ins Gespräch mit einem Mann. Es sind viele hier oben in ihren sehr schönen Maiensässen. Er gibt uns einen Tipp: „In etwa 5 Minuten kommt ein kleiner Badepool, dort könnt ihr euch im Fluss abkühlen.“ Das hört sich perfekt an! Sofort schultern wieder die Rucksäcke und wandern weiter. Der Spot ist ein Paradies. Er habe selber ein paar Steinmürli hingebaut, erzählt der Mann aus Poschiavo, der aber im Misox lebt (Poschiavo sei eigentlich schöner, meint er). Wir bleiben 1.5h hier. Baden, geniessen Sonne oder Schatten und ich mache einen Powernap. Es ist suuuper hier. Einfach ein perfekter Ort an so einem heissen Wandertag. Irgendwann setzen wir uns ein Zeitlimit: Um 13.30 Uhr brechen wir wieder auf! Beide hätten wir noch lange dort bleiben können. Der nächste Stopp ist die Alpe de Barna. Wir beobachten wie sich die Wolken zu türmen beginnen. Als wir auf der Alp ankommen, checken wir kurz die Metteovorhersage. Und in der Tat, die Beobachtung am Himmel war korrekt, es könnte am Abend ein Gewitter aufziehen, so gegen 18.00 Uhr. Oh no, dass bedeutet jetzt müssen wir uns etwas mehr beeilen. Bei der Alp müssen wir durch ein Gebiet von Schafen mit Herdenschutzhunden. Die Schafe sind recht weit weg und trotzdem bemerken uns die Hunde von Weitem. Alle 4 beginnen zu bellen. Einer der Hunde kommt auf uns zugerannt. Gut haben wir vorhin nochmals alle Herdenschutzhunde-Verhaltensregeln gemeinsam durchgesprochen. Seline hat allgemein grosse Angst vor Hunden. Alleine wäre sie sofort umgekehrt, sagt sie. Ich stelle mich etwas vor Seline und als der Hund vor mir haltet und bellt, versuche ich es mit gut zureden: „Ja ist ja gut, wir sind wirklich nicht böse. Wir wollen deinen Schafen nichts tun und werden viel Abstand halten. Aber ich kann verstehen, dass du deinen Job machen musst.“ Der Hund bellt uns weiter an, aber hält einen Abstand von 2-3 Metern brav ein. Er bellt und knurrt zwar, aber alles im Rahmen, ich hatte es schon schlimmer erlebt. Als er sich ein bisschen abzuwenden schein, gehen wir weiter. Er folgt uns, bellt, wir halten nochmals an und gehen wieder weite, wenn er sich beruhigt hat. Es scheint als hätten wir es überstanden, wir gewinnen Abstand von Hund und Schafen. Ich schaue immer wieder zurück und der Hund kontrolliert uns immer noch. Auf einmal höre ich einen „Bell“ und einen Schrei von Seline. Ich sehe gerade noch, wie der Hund direkt hinter ihr ist. Innerhalb einer gefühlten Sekunde hat er eine Distanz von 10 Metern hinter sich gelassen. Beide erschrecken wahnsinnig. Seline hat grosse Angst, man sieht es in ihren Augen, aber auch der Hund hat durch den Schrei einen kleinen Schock bekommen. Der Hund geht etwas weg, Seline kommt zu mir. Im ersten Moment weiss ich noch gar noch gar nicht was passierte! „Stell dich hinter mich!“ Wir stehen wieder still, und ich frage, ob alles okay ist? Zum Glück ist nichts passiert, ich hatte schon Angst, sie wurde gebissen. Als der Hund und auch Seline sich beruhigt haben, gehen wir weiter und es scheint als hat er ein bisschen das Interesse verloren. Sie wandert nun vor mir, ich hinten. Ich habe das Gefühl, er hat sich angeschlichen, kurz geschnuppert, gemerkt: ah okay, wirklich keine Gefahr, und lässt uns nun ziehen. Der Herdenschutzhund hält uns im Blick, bellt immer wieder, kommt erneut näher, entfernt sich wieder und ist sehr gewissenhaft dabei seinen Job zu machen. Ich bin froh, dass wir bald genug weit weg sind. Und auch, dass die anderen 3 Hunde nicht darauf eingestiegen sind. Die haben alles aus der Ferne beobachtet. Phu, das war Action. Und Zeit verloren haben wir auch. Das Gewitter spitzt die Situation etwas zu. Der Weg wird nun richtig steil. Und schwierig. Nicht direkt technisch schwierig, eher einfach mühsam. Aber was für ein Glück wir haben, es wirkt als wäre der Weg vor zwei Tagen gemäht worden. Sonst hätten wir den Weg glaube ich nicht geschafft. Teilweise müssen wir Grass-Klettern, so steil ist es. Vielleicht sieht man es auf den Bildern besser. Jedenfalls kommen wir endlich aus dem wiesigen Gebiet raus ins steinige Gebiet. Auch dort ist es steil und rutschig, aber ich fühle mich wohler. Es zieht sich unheimlich und der Pass will nicht näher kommen. Doch dann endlich biegt der blau/weisse Weg ab. Und wir verlaufen uns. Aus Versehen machen wir eine Schlaufe, kommen aber zackig zurück auf den Weg. Das Problem ist nun, dass wir oben am Grat sind und jetzt in diesen Misoxer Höhenweg einsteigen, der in der Karte gar nicht wirklich eingezeichnet ist. Ich habe zwar ein GPX erhalten, aber wir schauen vor allem auf die Markierungen. Schlussendlich klappt es aber gut, der Weg ist zu meiner Erleichterung extrem gut markiert! Es tröpfelt und ist sehr neblig, aber wir kommen voran auf dem Grat. Eigentlich ist es eher ein breiter Bergrücken. Wir sammeln noch etwas Schnee ein, weil wir beide schmerzende Füsse haben. Seline hatte vor einigen Jahren eine schlimme Fussverletzung. Ein riesiges Glück, dass sie heute wieder so viel Sport machen kann und heute den Aufstieg locker geschafft hat. Danach kommt noch ein abschüssiger Abschnitt, wo man wirklich nicht stolpern darf. Und nicht viel später endlich das Bivacco Ca Bianca! Juhu! Als sich die Türe auch noch öffnet bin ich so erlöst. Ich habe versucht das Biwak irgendwo zu buchen, aber fand keine Möglichkeit. Normalerweise sind die Biwaks ja schon offen, aber man weiss es trotzdem nie. Und wir haben es vor dem Gewitter geschafft. Das wäre nämlich gar nicht gut gekommen, ein Gewitter auf dem Grat. Mein Kopf hat die letzten Stunden immer automatisch die letzten „Spots“ gemerkt, wo man im Ernstfall zurück gehen könnte und Schutz findet, unter irgendwelchen grösseren Felsbrocken. Es war ein abenteuerlicher Tag! Und ich bin zudem auch so froh, dass es überhaupt funktioniert hatte mit meinem Fuss. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, aber jetzt wird der Fuss mit dem Schnee, den ich in meinem Abfallsack gesammelt habe, gekühlt. Ziemlich unangenehm, weil es allgemein super kalt ist beim Biwak. Es ist neblig und windig. Die 2000 Höhenmeter gingen dafür überraschend gut. Ich fand es nicht mal wirklich streng. Und das obwohl ich viel mehr Wasser mitgetragen habe, als sonst, da es beim Biwak wohl kein Wasser haben wird, was sich als korrekt rausstellte. 

Seline und ich inspizieren das Biwak. Es ist ein relativ gutes Biwak und hat sogar eine Kochecke. Es kostet nur 3 Euro für Alpenclubmitglieder und 5 Euro für die, die es nicht sind. In der Schweiz sind er normalerweise 25.- Franken. Der Schlafraum hat richtig altmodische Matratzenbezüge mit Blumen drauf. Finde ich lustig, aber grüselt mich auch wenn ich ehrlich bin. Früher fand ich Biwaks das non-plus-ultra. Heute bin ich ein bisschen spiessiger unterwegs. Meine Gedanken drehen sich beispielsweise wieder um mein Hygiene-Problem: Wenn ich auf dieser Matratze meinen Schlafsack auspacke, dann ist der nachher kontaminiert. Und das Schlimme: Dabei ist doch alles grad frisch gewaschen. Wenn ich schon zwei Wochen unterwegs bin, dann stört es mich weniger. Aber jetzt nach dem Neustart, spiele ich mit dem Gedanken draussen zu schlafen. Dafür gibt es noch weitere Gründe. Ich möchte wiedermal die Matte unter safen Umständen benutzen (wenn sie wieder die Luft verliert, kann ich jederzeit ins Biwak wechseln) und ich fühle mich auch schuldig mal wieder draussen zu übernachten, wenn das Wetter gut ist (das Gewitter ist nie richtig gekommen und die Wolken verziehen sich), weil ich sonst mein Biwakzeugs die ganze Zeit für Nichts mitschleppe, weil ich immer in Hütten schlafe. Ein bisschen habe ich dann ein schlechtes Gewissen, so als wäre das Abenteuer nicht ganz echt. Zu weichgespült. Dabei habe ich ja schon in der Planung gedacht, ich schlafe nur wenns wirklich passt draussen und deshalb nahm ich das Zelt auch nicht mit, um Gewicht zu sparen. Und ich liebe Hütten (also nicht Biwaks), es soll ja auch eine Route um Graubünden sein, wo ich coole Hütten erkunden kann. 

Wir essen unsere Sandwiches und machen uns bettready. Auch Seline grüselt die Matratze etwas und sie legt ihre eigene Schlafmatte drauf. Auch clever!! Ich bleibe dabei und schlafe draussen. Auf den Fotos sieht es aus als wäre ich irgendwo am Berg. Aber lasst euch nicht täuschen, Instagram versus Reality, daneben steht das Biwak. Somit ist es dann doch nicht sooo aufregend. Wie die Nacht war, erzähle ich dann im Blogpost der Woche 4. Ich hoffe die Matte verliert keine Luft mehr und dass der Schlafsack erneut nicht nass wird durch Kondens im Biwaksack. 

Wish me luck! Vor allem, dass der Fuss hält!

Fazit: 4 Pausentage und nur 3 Wandertage. Aber won‘t complain. Immerhin überhaupt noch unterwegs!

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