HIKING SCHWEIZ

Via Rätia: Woche 5 – Endlich auf dem Sentiero Alpino Bregaglia & Südbünden durchwandert!

Der zweite Tag des Sentiero Alpino Bregaglia steht an. Ich bin mitten in meinem Lieblingsabschnitt der Via Rätia, so war zumindest meine Erwartung an das Bergell. Bizli viel Druck für so eine kleine Gegend, doch ich wurde nicht enttäuscht! Als ich heute von der Sasc Furä Hütte starte, weiss ich schon bald, dass ich einen erneuten Energy-Low Tag habe. Toni hingegen ist motiviert und kämpft weniger mit der Hitze als ich. Ich schiebe meine Konditionskrise daher einfach auf die mir bereits seit Jahren bekannte Schlussfolgerung, dass ich Hitze gar nicht gut vertrage und sie meine Leistung stark schwächt. Wir steigen erst auf einem rot/weissen und erst seit kurzem wieder geöffneten Weg ab. Der schwerwiegende Bergsturz am Piz Cengalo im August 2017 (vor fast 10 Jahren) hatte hier viel Schaden angerichtet und 8 Wanderer gelten seither als vermisst. Die gewaltigen Murgänge durch das Val Bondasca kamen bis an den Rand des Dorfes Bondo. Ich mag mich noch sehr gut an diese Zeit erinnern und wie ich von Bekannten Bilder auf Instagram sah, verheerend! Jedenfalls waren die Wege und auch die Hütten danach teilweise geschlossen. Der rot/weisse, alte Weg von der Sasc Füra ist erst seit Kurzem wieder geöffnet. Da der Badile aber viel bestiegen wird und als sicher galt, wurde der alte Jägerweg zu einem blau/weissen Wanderweg ausgebaut. Über diesen sind wir am Vortag zur Hütte gekommen. Unten bei der Bondasca (Fluss) gibt es eine Brücke und der Weg führt in einer neuen Streckenführung zur Sciora Hütte. Ich kämpfe im Aufstieg etwas und verknicke mich leicht (an evolving story ;)), weil ich den Wanderenden die bergab gehen «Hoi» sage und blöd auf einen Stein stehe, da ich nicht auf den Weg schaue. Aber es ist nicht schlimm und nach einer kurzen Schmerzpause steigen wir weiter auf, bis wir die erste Hängebrücke erreichen. Dort ist es etwas luftiger und das tut gut, weil ich heute wirklich sehr mit mir kämpfe. Es ist zu heiss, dann wird mir immer etwas schlecht wenn ich mich bei dieser Hitze so anstrengen muss und dann fühle ich mich geschwächt. Wir stärken uns an einem unpraktischen Pausenspot bei der ersten Brücke (siehe Bild), weil ich nicht mehr weiter konnte. Danach geht es mir besser. Weil wir gestern noch im Tal waren, haben wir noch etwas Apfelsaft – das hilft mir in solchen Fällen sehr. Allgemein habe ich so ein grosses Bedürfnis auf Wanderungen nach erfrischenden, fruchtigen Getränken. Die Schoggi Bonbons helfen auch. Danach schaffen wir den restlichen Aufstieg ziemlich gut. Auch weil es mit dem Aufstieg in die Höhe etwas weniger heiss wird. Zudem machen die weiteren Hängebrücken den Weg abwechslungsreich und man hat jeweils ein Ziel, «bis zur nächsten Hängebrücke schaffen wir es noch».

Auf der Sciorahütte angekommen, machen wir es anderen Wanderern nach und kühlen unsere Füsse im Brunnen. Dann gibt es eine Polenta Taragna (Spezialität aus dem Bergell, Polenta gemischt mit Buchweizenmehl) mit einem riesigen Stück Gorgonzola. Die Sciorahütte hat einen unglaublichen Ausblick auf den Badile und Cengalo! Ich lese auf einem grossen Stein und schlafe ein. Es ist herrlich! Die Hütte war anscheinend fast acht Jahre geschlossen (wegen dem Bergsturz und gesperrten Zustieg). Sie wurde dann sanft renoviert und hatte im Juli 2025 die Wiedereröffnung. Ich bin in diesem Moment mega happy, dass ich die Via Rätia im 2026 mache und die Hütte besuchen kann. Allgemein sind die 4 Bergeller Hütten für mich ein riesiges Highlight. Streckenmässig komme ich auf dem Sentiero Alpino Bregaglia nämlich gar nicht vorwärts, aber dafür ist es alpin (2 x T5 Etappen) und einfach wunderschön! Das hätte ich niemals missen wollen.

Beim Znacht sitzen wir am Znachttisch mit dem Papa einer Kollegin von mir, die in Trin wohnt. Sie ist nicht dabei, aber wir kommen ins Gespräch und er war mit ihr an einer Lesung von mir. Sie erzählen uns vom nächsten Abschnitt, den Cacciabella Pass. Wohl die Schlüsselstelle des Sentiero Alpino Bregaglia. Im «Die Alpen» Magazin wird empfohlen ein Klettersteigset mitzunehmen. Dieses habe ich nicht dabei (zu mühsam, es länger mitzutragen und kenne einen anderen «SAB» T5 Abschnitt, um es für mich einschätzen zu können), aber ich bin überzeugt, dass ich es gut ohne schaffe. Nachdem wir alle Infos haben (Aufstieg viele Ketten & Eisenstangen, Abstieg leichter), müssen wir noch eine Lösung finden, für das Wetterproblem. Denn genau dann, wenn die Königsetappe ansteht, soll das Wetter schlecht werden. Und zwar soll das Gewitter (nicht nur Regen leider) gemäss Meteo Swiss (Toni’s bevorzugte Quelle) um 07.00 Uhr kommen. Gemäss meiner Quelle (Meteoblue vor allem) um 10.00 Uhr. Wenn mein Meteo-App recht hat, wäre das besser. Weil beide sagen voraus, dass sobald die Schlechtwetterfront uns erreicht, es danach über längere Zeit mies bleibt. Wenn wir also früh starten um vor 10.00 Uhr das Schlimmste hinter uns zu haben und auf meine App setzen, dann kann es sein, dass es uns doch um 07.00 Uhr (wenn doch Meteo Swiss recht hat), genau am höchsten Punkt, also auf dem Cacciabella Pass erwischt. Wir diskutieren noch, einen Abstieg mit Marsch durchs Tal und dem Aufstieg unter der Bahn zum Albigna-Stausee als Alternative zu berücksichtigen. Aber es würde mich so wurmen, denn diese Etappe wortwörtlich ins Wasser fällt, es ist die coolste des Sentiero. Und dieser kurze Weitwanderweg ist mein Highlight auf der Via Rätia, also würde ich eigentlich das Beste der Via Rätia verpassen. Keine Option. Ich setze auf Optimismus, und Meteo Blue.

Wir fragen beim Hüttenteam nach dem frühsten Frühstück. Leider ist es erst ab 06.30 Uhr möglich, also informieren wir, dass wir ohne starten. Doch dann kommt das Hüttenteam uns entgegen, und bietet an, Frühstück bereit zustellen. Super, das wäre geregelt. Zwei Männer fragen, ob wir morgen auch zur Albignahütte gehen. Und dann fragen sie, warum wir denn so früh starten wollen. Wir erklären die Situation mit dem Gewitter. Aber die beiden scheint es nicht gross zu stören. Sie werden später aufstehen. Um 21.00 Uhr geht es für uns ins die Kajütenbetter, um ca. 05.30 Uhr wollen wir starten.


Die Nacht ist ganz ruhig, um 05.00 Uhr gehen wir in den Frühstücksraum und essen etwas. Das Wetter sieht recht gut aus. Etwa eine halbe Stunde später starten wir den Aufstieg zum Cacciabella Pass. Ich freue mich so auf diese Etappe und bemerke, wie ich heute bei ganzer Kraft bin. Der Aufstieg geht mühelos und wir steigen über viele Felsblöcke, bis wir den Einstieg der Felswand erreichen. Früher war hier anscheinend einfach ein Firnfeld. Heute liegt in dieser Rinne kein Schnee mehr und die Route wurde daher an den Fels verschoben, wegen Steinschlag-Gefahr (vor allem durch andere Wanderende). Ab ca. 2500 Meter heisst es nun *konzentrieren*. Achhh ich liebe solche Passagen, es macht so Spass! Ich gehe zuerst vorne, Toni hinter mir. Er unterstützt mich beim Bilder machen, weil natürlich freue ich mich riesig, wenn ich mal nicht alleine bin und von diesem Abschnitt, der so abenteuerlich ist, auch noch Bilder als Erinnerung (und für den Blog) habe. Kurze Zeit später wechseln wir, damit es gemäss Toni auch Bilder von oben gibt. Die seien besser, sagt er. Und er hat recht. Sonst sieht man immer nur Füdli. 😉 Wir gehen zügig, ohne richtige Pausen, um Zeit zu sparen, denn bald ist es 07.00 Uhr und der Passübergang kommt immer näher. Gewitteranzeichen sind da, aber nicht so, als würde es gleich starten. Es sieht aus, als hätte sich mein Optimismus gelohnt. Wir hatten den Plan, bei Gewitter ansonsten frühzeitig irgendwo Schutz zu suchen und bei einem Felsvorsprung auszuharren für das Schlimmste. Gut, ist das nun nicht nötig. Der Cacciabella-Passübergang ist ziemlich schmal und es ist ein tolles Gefühl, als ich zum Schluss noch eine Leiter aufsteige und die andere Seite sehe. Wir verweilen nicht lange und machen uns direkt an den Abstieg. Etwa nach einer Stunde kommen uns Wanderer entgegen, es sind mehrere kleine Gruppen, auch eine Familie. Das Gewitter nähert sich derweil uns allen und die Aufsteigenden sind verständlicherweise etwas nervös und fragen nach dem Weg im Abstieg. Es ist nicht so cool, wenn man dann sagen muss, dass die andere Passseite anspruchsvoller ist, im Wissen, dass sie das wohl bei Regen oder schlimmer, im Gewitter machen müssen. Wir machen eine Pause, noch in der Sonne, haben das Schwierigste definitiv hinter uns. Danach gibt es zwei Möglichkeiten die Albignahütte zu erreichen, entweder über die Stausee-Mauer Route oder die Neue, die hinten um den See führt. Ich möchte diese gehen, weil ich die noch nicht kenne. Beide sind blau/weiss. Also steigen wir ab, rechtshaltend und werden dann vom Gewitter eingeholt. Es regnet so fest, dass wir es kaum rechtzeitig schaffen, die Regenjacke aus dem Rucksack zu holen. Wir gehen weiter als uns zwei sehr junge Frauen entgegenkommen die den Seerundweg machen. Sie raten uns stark davon ab, denn Weg weiterzugehen. Der Grund: Es habe steile Steinplatten. Ich habe gelernt, dass ich die Meinung und der Stress von anderen nicht immer zu ernst nehmen darf. Wir haben alle eine andere Toleranzgrenze, sei es der Stress mit dem Gewitter, die Steilheit der Platten und die Schwierigkeit der Abstieges allgemein. Ich weiss auch, dass der ganze Abstieg gesichert ist mit Ketten. Daher möchte ich weiter und selbst vor Ort schauen wie es ist und wie ich die Situation für mich einschätze. Umkehren kann ich immer noch. Als wir bei der schwierigen Passage ankommen, sehen wir steiles Grass, Steinplatten und Ketten. Wir diskutieren kurz, aber schlussendlich entscheiden wir uns für den Rückweg, es regnet gerade im Strömen. Der Rückweg bedeutet nochmals aufsteigen, dann den blau/weissen Weg von links um den See zu wandern und über die Staumauer. Schlussendlich würde ich sagen, waren wir etwas gestresst mit der Entscheidungsfindung. Im Nachhinein glaube ich, wir hätten gut weitergehen können – aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Denn es waren beide Wege blau/weiss, beide mit steilen Platten und Ketten. Es hätte wohl wenig Unterschied gemacht, aber wir wurden verunsichert, durch die Angst von anderen. Die meisten gehen nämlich den anderen Weg, da der kürzer ist. Aber wir waren schon soweit, dass das bei uns keine Rolle mehr gespielt hätte. Im Gegenteil, mit dem Aufstieg zurück zu anderen Route haben wir Zeit verloren. Aber die Entscheidung war in dem Moment richtig, wir kommen sicher auf der Staumauer an und wandern ab hier auch wieder im Trockenen und auf einem rot/weissen Weg bis zur Albignahütte. Ich finde es immer wichtig, dass man solche Situationen danach nochmals analysiert – quasi ein Debriefing eines evtl. schwierigen Moments oder Entscheidung. Dieses reflektieren von Situationen mache ich auch immer automatisch mit dem Aufschreiben (wie hier) und ich lerne auch rückblickend viel dazu.

Bei der Albignahütte treffen wir direkt auf Annamaria. Sie ist die Hüttenwartin hier, gemeinsam mit Martin, den ich schonmal kennengelernt habe. Wir gehören heute zu den ersten Gästen (ausser die, die eh schon hier sind und klettern), es ist erst Mittagszeit und wir sind nass bis auf die Unterhosen (Oberkörper trocken, wegen Regenjacke und Poncho). In meinem Schuhen hat sich mal wieder ein Pool gebildet. Ohne Heizung werden diese niemals wieder trocken sein bis morgen. Aber das ist gar nicht so schlimm, daran hatte ich mich auf der Via Alpina schnell gewöhnt. Wir essen einen ultraguten Zmittag, Kastanientagliatelle mit Kräuterrahmsauce und Toni hat Fusili mit einer speziellen Pesto (hab vergessen was es war). Nach dem Zmittag mache ich eine Katzenwäsche, denn wegen Wassermangel hat die Albignahütte den Betrieb der Duschen eingestellt. Als ich mich offiziell anmelde, werde ich überrascht. Und zwar läuft das in etwa so ab:

Ich bin Christina und habe für heute Abend einen Schlafplatz reserviert.

Super, dann zeige ich dir gleich dein Zimmer, ich schaue kurz nach in welchem du eingeteilt bist….. Oh.. Ah, okay, du hast heute Glück..

*Wir gehen die Treppe hoch zu den Zimmern*

Hier ist dein Zimmer!


Whaaat! Omg, ein Zimmer für mich alleine!!!

Es herrscht grosse Freude bei mir, weil bei einem Zimmer für mich alleine die Chance recht gut ist, super zu schlafen! Juhu, ich freue mich so sehr und weiss, dass Annamaria mir wohl etwas Gutes tun wollte. Ich suche sie danach, um mich zu bedanken. Denn eigentlich war die Albignahütte vor einer Woche noch ausgebucht gewesen, doch es gab dann in einem Zimmer, einer Klettergruppe die länger dort sind, noch einen Platz. Den konnte sie mir dann zuteilen und ich war schon sehr dankbar darüber. Da ich immer recht spontan buche, weil ich ja nie genau weiss, wann ich wirklich wo sein werde, muss ich mich immer etwas auf mein Glück verlassen oder halt biwakieren. Doch durch das schlechtere Wetter, hat sich alles nochmals verändert (Absagen) und nun habe ich den Jackpot in diesem Zimmer schlafen zu dürfen. Annamaria sagt noch, dass sie das «privat» Zimmer nicht auf der Webseite anbieten, sondern es immer selber zuteilen. Sie findet auf ihrer Berghütte soll es kein «besseres Zimmer» geben, dass man sich gegen einen höheren Preis buchen kann.

Am Nachmittag kommen noch die anderen Wanderer (2 Männer und eine SAC Sektionstour des UTO) an, die heute morgen auch bei der Sciorahütte gestartet sind. Sie waren genau zu der Zeit auf dem Cacciabella Pass, als es gewitterte. Es sei nicht so cool gewesen. Wir hatten somit definitiv die für uns richtige Entscheidung getroffen, so früh zu starten.

Toni und ich chillen ein bisschen in der Gaststube bis es kurz nach 16.00 Uhr ist, weil es immer wieder regnet. Dann sprintet er los, denn er muss auf die letzte Bahn, um heute noch mit dem Auto heimzureisen für das Hochzeitsfest seines besten Freundes. Wäre blöd, wenn er das verpassen würde. Mit meinem Iphone 17 Zoom kann ich sogar sehen, wann er auf der Staumauer ankommt und weiss, dass er die letzte Bahn schaffen wird. Ich verziehe mich ins Zimmer, schreibe den Blog der Woche 4 und telefoniere noch mit meiner Mama. Die Hütte ist super voll und manchmal habe ich Mühe ganz alleine unter vielen Leuten zu sein. Nicht selten denke ich, ob andere denken ich sei komisch und habe niemanden, der mit mir Zeit verbringen will. Das Urteil der anderen Leute ist etwas, was ich gerne aus meinem Kopf verbannen würde. Wahrscheinlich interessiert es gar niemanden, dass ich überhaupt hier bin. Man nimmt sich selbst bekannterweise ja immer ein bisschen zu wichtig. Ich bin aber an einem herzigen Znachttisch. Zuerst bin ich im Modus, dass ich gar nicht reden mag. Eine Gruppe besteht aus drei älteren Personen aus Graubünden. Später erfahre ich ihre Namen, Elisabeth und Leo, sowie Margi. Dann noch zwei deutsche Kletterer. Ich weiss nicht mehr, wie wir ins Gespräch kommen. Aber Leo fragt mich, ob ich nicht vor einiger Zeit mit seinem Bruder in der Läntahütte war. Als wir darüber reden wird mir klar, dass das Paar vom Znachttisch auf der Läntahütte ihnen von mir erzählt hat. -> Geschichte dazu im Blogpost Woche 2. Und nun, während sie ihre Enkeltochter bei der Albignahütte abladen, um auf der Hütte zu arbeiten, sitze ich mit ihnen am Znacht. Was für ein Zufall. Elisabeth, seine Frau erwähnt noch, sie habe mein Buch gelesen und es sehr gemocht. Wir quatschen ein bisschen und später ist auch Annamaria noch am Tisch. Bevor alle ins Bett gehen, will ich den Blogpost in der Gaststube hochladen, denn im Zimmer habe ich kein Netz. Es ist schon 22.00 Uhr, aber weil ich alleine im Zimmer schlafe, ist es nicht so tragisch, wenn ich später ins Zimmer komme, wecke ja niemanden auf. Doch dann wird meiner Abendplanung einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und zwar spaziert Steila in die Stube. Steila, das ist die Katze der Albignahütte. Annamaria hebt sie hoch und legt sie mir in die Arme. Als sie eine Weile bleibt, meint Annamaria: «Das isch den imfall a Ehr!». Mein Abend hier wird immer besser, gleichzeitig vermisse ich Yuki ein bisschen. Der ist nämlich wie jeden Sommer abgehauen und im Wald. Anstatt Alpsommer macht er seinen Waldsommer und kommt meistens im September zurück. Annamaria sagt dann die magischen Worte: «Du kasch si sust au ufs Zimmer neh und s Fenster off loh, denn kann sie jederziit usa.» Muss man mir nicht zweimal sagen, also trage ich Steila die Treppe hoch in mein Zimmer. Ich denke eigentlich, sie will sicher sofort wieder weg, aber sie scheint sich ganz wohl zu fühlen und kuschelt sich ein. Ich lege mich ins Bett, um noch ein bisschen zu lesen und Steila setzt sich auf meinen Bauch. Als ich schlafen will und mich auf die Seite drehe (das ist schlimm, man denkt, wenn man sich bewegt zerstört man alles und sie geht dann), positioniert sie sich einfach neu und bleibt bei mir. Mich macht das glücklich und so streichle ich Steila bis Mitternacht bevor ich viel zu spät einschlafe.

Etwas habe ich noch vergessen zu sagen. Ich hatte die Hüttennacht am Abend schon bezahlt, doch mir wurde später mein Beitrag zurückgezahlt. Der Grund: Ich hatte mal einen Vortrag für die SAC Sektion Hoher Rohn im September 2023 gehalten. Annamaria hat die Sektion informiert und deshalb haben sie spontan meine Übernachtungskosten übernommen. An dieser Stelle, ganz herzlichen Dank dafür. Und ein riesengrosses Danke an Annamaria, Martin und das Team – ich hatte mich auf der Albignahütte uh wohl gefühlt. <3

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist Steila weg. Beim Zmorga erfahre ich, dass sie auch schon bei ihrem Frühstück war. Ich sehe Leo, Elisabeth und Margi nochmals, sie brechen auf, um die gleiche Route wie ich zu wandern. Den Aufstieg zum Casnil Pass und der Abstieg ins Forno Tal. Sie gehen danach nach Maloja, ich steige zur Fornohütte auf. Den gleichen Plan hat auch die UTO Sektionstouren-Gruppe. Es gibt mir wieder ein bisschen karnischer Höhenweg Vibes, wenn man die Leute abends immer wieder auf der Hütte trifft und sich über die Erlebnisse des Tages und die Etappe austauscht. Ich starte jedoch viel später als sonst, etwa um 07.30 Uhr, als alle schon weg sind. Denn gestern hatte ich ja den Blogpost nicht fertiggestellt, sondern habe mit Steila im Zimmer gelesen. War definitiv das schönere Programm. Nun lade ich den Blogpost am Morgen hoch und starte die Aufholjagd. Wobei, eine Jagd ist es ja nicht. Die Schuhe sind wie zu erwarten noch nass, aber der Aufstieg gelingt mir ohne Mühe. Ich kenne diese Etappe auch schon, ich war letzten September mit Jonas hier. Deshalb macht es mich auch nicht nervös, dass es ein T5 ist und ausserdem ist das Wetter heute wieder super. Nach einer Stunde kraxle ich eine kleine Felsrinne bergauf, als ich Leo oben entdecke, der ein Foto von mir macht. Ich frage sie, ob ich von ihnen dreien ein Bild machen soll und er sagt, sie hätten besprochen sie würden gerne ein Bild mit mir machen. Also platziere ich Leo’s Iphone mit Steinen und stelle die Selbstauslöser Funktion ein. Danach schicke ich mir das Erinnerungsfoto per Air Drop zu. Ich wandere zum Piz Casnil und treffe dort auf die UTO Gruppe, die begrüsst mich mit, «ah die Buchschreiberin» :D. Als ich weiter gehe, sage ich der UTO Gruppe, wir sehen uns später in der Hütte. Und von Leo, Margi und Elisabeth verabschiede ich mich. Leo ruft mir dann noch nach: «Reserviersch miar denn a Buach gell!» Und ich sage, «Ha, meinsch gits nomol eis?». Dann höre ich zwei Personen auf dem Pass (es sind ja jetzt grad 10 Leute dort von den beiden Gruppen) so etwas rufen wie “oh jo bitte“ / „hoffentlich scho“ ! Wie schön es ist, dass alle Leute die ich antreffe und mich dann erkennen, so positiv über mein Buch reden. Heute ist der Rekordbuchtag: Viermal in 24 Stunden kam das Buch zur Sprache. Dafür hole ich kurz etwas aus: Beim Frühstück kam die UTO-Gruppe auf mich zu, weil ich ihnen so bekannt vorkam. Ob ich nicht Christina sei, die vom Buch. Und am Abend beim Znacht war das Buch dann auch schon wieder Thema. Nachher im Aufstieg am Weg kommt mir eine Gruppe entgegen, ich stehe auf die Seite, damit die Kletterer:innen passieren können. Eine junge Frau sagt danke, dann schaut sie auf den Weg und direkt wieder zu mir: «Hey, ich hab dein Buch gelesen, es hat mich mega inspiriert, will auch sowas machen!». Alles ohne Anhalten, im Gehen, fand ich lustig! Und dann beim nächsten Znacht erneut, «Hey du bist Christina oder, ich hab deinen Namen im Hüttenbucheintrag gelesen, dein Buch hatte mich mega inspiriert für meine eigene erste Weitwanderung, auch wenn ich dann abbrechen musste.». Mir war bis zur Via Rätia (also 4 Jahre lang) nicht bewusst, von wie vielen Menschen das Buch wirklich gelesen wurde. Man sieht immer nur Zahlen und ich habe ja keine Erfahrung ob das wenig oder viel ist, aber wenn man dann fast jeden Tag darauf angesprochen wird, ist das schon krass. Weil im Alltag passiert mir das ja so gut wie nie! Aber in den Hütten sind wohl genau die Menschen, die sich für so ein Buch interessieren. Es macht mich extrem stolz, auf Katrin (meine Verlegerin) und mich, dass VON WEGEN ein Buch geworden ist, dass Menschen Mut macht. Aber ich muss auch sagen, manchmal ist es auch komisch, wenn man so «erkannt» wird. Ich fühle mich teilweise auch ein bisschen beobachtet, beispielsweise wie ich mich verhalte auf der Hütte und es gibt bei mir immer wieder Abende nach langen Etappen, wo ich nicht so gesprächig bin. Dann denkt man schon, phu, jetzt wirke ich bestimmt unsympathisch, aber ich habe dann auch nicht die Kraft dafür, etwas vorzuspielen. So das wärs jetzt zum Buch, ich hoffe diese Erwähnungen nerven nicht zu sehr, aber für mich ist das einfach so crazy.

Nun zurück zum Wandertag auf dem Sentiero Alpino Bregaglia. Nach dem Pass geht es wieder über grosse Felsblöcke bergab und es kommt die Schlüsselstelle der Casnilroute. Es ist eine grössere Rinne, in die man absteigt und wieder aufsteigt, alles mit Leiterntritte und Eisenketten gesichert. Kurz danach kommt mein angepeilter Pausenspot auf den grossen runden Felsen mit Blick auf den Fornogletscher. Hier hatte ich schon vor einem Jahr pausiert. Es ist ein Ausblick, wo man sich nicht daran satt sehen kann. Ich zumindest nicht. Ich snacke meine Darvidas, Nüssli, Mangos, Gummibärlis und Riegel und bleibe über eine Stunde hier. Da es so sonnig ist, können auch meine Schuhe noch weiter trocknen. Auch die anderen Gruppen pausieren in der Nähe. Später steige ich weiter ab, passiere den Gletscherbach mit einem kurzen Abkühlungsstopp (es war extrem kalt, hab mehrere Versuche gebraucht bis ich ganz drin war – und nur sehr kurz). Nachher folgt der Aufstieg zur Fornohütte. Es ist magisch, wow, was für ein schönes Tal! Ich höre dann ein paar Steine rumpeln, schaue hoch und sehe einen Steinbock so 10 Meter oberhalb von mir. Der Steinbock wandert die halbe Strecke mit mir mit, immer einfach oberhalb der Weges, aber in die Gleiche Richtung. Ich versuche noch der UTO Gruppe zuzurufen, damit sie den auch sehen. Aber sie hören mich nicht. Dann entscheide ich mich zu warten, um ihnen den Steinbock schnell zu zeigen, aber als sie etwas aufschliessen, verschwindet er. Schade, hatte somit nur ich das Glück. Ich wandere daher alleine weiter. Bei der Fornohütte angekommen gönne ich mir eine Dusche, hier hats wieder genug Wasser. Mittlerweile gibt es auch schon Nachrichten von Schweizer Hütten, die wegen Wassermangel schliessen mussten. Es ist wirklich verrückt und zum Glück bin ich in den Bergen bei dieser Hitze. Aber die Aussage «das wird von jetzt an mein kältester Sommer gewesen sein, denn ich je erleben werde» macht mich fertig. Es macht mir Angst. Und auch bei den Gletschern wird mir bewusst, dass wenn ich einzelne Touren auf der Via Rätia in 10 Jahren nochmals machen werde, vielleicht ein paar Gletscher komplett verschwunden sind. Was soll man da noch sagen, ausser dass es einfach so traurig ist. Gleichzeitig ist da auch Dankbarkeit, dass ich zu einer Zeit lebe, wo wir überhaupt noch diese schönen Gletscher haben und ich sie erleben darf.

Auf der Fornohütte lese ich wieder viel und gehe sehr früh ins Bett, weil morgen steht eine riesige Etappe an. Die UTO Gruppe kam beim Znacht noch zu mir und jemand fragte mich, hä, also wohin willst du? (Musste mein Ziel im Hüttenbuch eintragen, das haben sie glaube ich gesehen) -> Dass sind ja 13h Wanderstunden!!! Aber ich habe die Route etwas optimiert und es sollten etwa 9h sein. Das ist machbar. Die Nacht ist ruhig und sehr erholsam, genau was ich brauche. Etwas traurig bin ich schon, dass der Sentiero Alpino Bregaglia nun vorbei ist. Aber das nächste Highlight wartet schon, der Schweizer Nationalpark!

Nach zwei Tagen Flow-Zustand und vielen schönen Momenten, ist diese Serie nun wieder gebrochen. An diesem Tag verschlafe ich, nur 15 Minuten zwar, aber trotzdem. Danach wandere ich zum Fornopass und steige ab nach Italien. Dort knicke ich zum ersten Mal stärker um, als je zuvor auf der Wanderung. Ich höre sogar ein Geräusch im Fuss. In den ersten 3 Sekunden danach, gehen mir Gedankenblitze durch den Kopf: Wie komme ich so vom Berg. Oh nein, Heli? Muss ich das Garmin mit dem SOS Knopf jetzt benutzen? Jetzt ist die Via Rätia vielleicht doch vorbei? Ich schlage die Stöcke auf den Boden aus Wut und Frustration (bin sonst nicht so) und setze mich direkt hin und halte den Fuss etwas hoch. Es ist so ermüdend, diese Fusssituation. Nach ca. 10 Minuten stehe ich auf und schaue wie es sich anfühlt. Trotz dem Geräusch und Schmerz als es passiert ist, ist es nicht so schlimm. Ich binde den Schuh ultra eng und laufe langsam los. Einerseits weiss ich, dass es zu Beginn immer gut geht, bis man wirklich pausiert, dann schwillt es an. Man hat also bis dann Zeit. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass es evtl. doch weniger schlimm ist als erwartet. Jedenfalls laufe ich ins Tal bis nach Chiareggio. Aber es folgt noch ein Zwischenfall. Und zwar steige ich über eine grossen, nach unten abflachenden Stein. Im Bergell ist das kein Problem, dort hält der Granit immer extrem gut. Doch das Gestein hat jetzt wieder gewechselt und prompt rutsche ich komplett aus und denke mitten im Fall schon an mein Steissbein und die Hüfte. Doch wie durch ein Wunder rutsche ich so fest aus, dass ich noch mehr das Gleichgewicht verliere und direkt auf dem Rücken falle und auf dem grossen Stein lande. Der Rucksack ist in diesem Moment ein perfekter Airbag, die Landung ist bequem und mir passiert überhaupt gar nichts. Ausser, dass ich danach zittrige Beine habe, weil in so kurzer Zeit gleich zwei blöde Situationen passiert sind. Ich versuche mich noch mehr auf jeden Schritt zu konzentrieren und erreiche bald Chiareggio. Es kommt mir noch ein Mann mit Papagei entgegen, der sagt, es ist sein Haustier und sie machen einen Ausflug zu einer Berghütte. Bei Chiareggio passiere ich das Hotel, wo ich vor 6 Jahren nach einem riesen Gewitter nach dem Muretto Pass Schutz gesucht hatte. Daher ist Chiareggio in meinem Kopf als sehr positiver Ort abgespeichert, denn hier habe ich eine warme und sichere Unterkunft gefunden. Ich gehe am Fluss entlang weiter bis nach Carette, dort steige ich wieder auf bis zum Lago Palu. Auch hier war ich schon auf der Via Alpina. Heute erreiche ich denn See am Mittag nach etwa 6h ohne Pause. Ich hatte sie mir für den See aufgespart und es tut unglaublich gut, mich abkühlen zu können.

Nach einer längeren Pause starte ich wieder, denn ich bin sicher nochmals 3h unterwegs und muss nochmals aufsteigen, um den Monte Roggione zu umgehen. Als ich in den Abstieg komme, erinnere ich mich an eine kleine Abkürzung über die Skipiste, die zum nächsten Weg führt. Als ich dort ankomme taucht eine alte Via Alpina Erfahrung in meinem Kopf auf. Auch damals hatte ich gekürzt und bin den auf Schweiz Mobil eingezeichneten Weg gewandert. Doch der Weg war quasi inexistent und ich hatte es verflucht, nicht auf der Forststrasse weitergewandert zu sein. Zum Glück ist mein Gedächnis gut und ich wandere einen gemütlichen Weg zu einer Alp. Später suche ich die Via Alpina Sprachnachricht zu dieser Etappe auf meinem Handy von vor sechs Jahren. Und tatsächlich, ich fluche über den Weg und erwähne, dass ich wohl 40 Minuten verloren habe. Phu, gut gemacht dieses Mal. Der letzte Teil bis zum Campo Moro bei den Stauseen zieht sich. Meine Füsse tun weh, doch ich höre die neuste Folge des Podcasts „Widmerei“. Eine gute Ablenkung. Als ich die Stauseen endlich erreiche, habe ich Angst das mein Plan für die Unterkunft nicht aufgeht. Denn ich will unbedingt im Rifugio Zoia übernachten, hier hatte ich damals kurz was gegessen und mir gesagt, ich erwähne es auch in der Sprachnachricht, dass ich hier mal übernachten möchte. Als ich ankomme frage ich auf Italienisch für einen Schlafplatz und merke, dass mein Italienisch wieder etwas flüssiger geworden ist. Ich habe schlussendlich die Wahl zwischen einem Einzelzimmer und einem Schlafsaal Platz. Nach der langen Etappe, die ich tatsächlich geschafft habe, verdiene ich heute meine Ruhe im Einzelzimmer, finde ich! Beim Abendessen werde ich an einen Zweier Tisch zugeteilt, bei welchem mir Federico gegenüber sitzt. Er ist gleich alt wie ich und hat ein Hüttli hier oben, kommt aber gerne ins Rifugio zum Znacht. Wir sprechen ein bisschen über die Unterschiede von Schweizern und Italienern. Als ich sage, ich war am Lago Palu, fragt er ob ich schwimmen war. Klar! Er schüttelt den Kopf. “Hatte es auch Italiener:innen im See?“ fragt er. Jetzt wo ich überlege, hatte ich noch gedacht, wieso kaum jemand ins Wasser geht. Federico sagt, dass sei normal, es wäre ihnen viel zu kalt! Er sagt mir, dass Schweizer Quadrati seien. Seine Erklärung: Alles sei so perfekt, ausgeglichen und präzise. Von sich selber sagt er, er sei der Scarso der Familie. Er sei nicht so mutig in den Bergen unterwegs, wie seine Familienmitglieder und quasi der mit den zwei Linken Füssen, oder Händen. Wie auch immer. Zuerst fragt er mich, wo ich heute meine Wanderung gestartet habe. Als ich sage bei der Fornohütte, ist er schon sprachlos. Da wir direkt hinter dem Piz Bernina sind, fragt er ob ich schon mal oben war. Als ich nicke, pfeift er anerkennend. Er sagt noch, du bist krass, jetzt müsstet du eigentlich nur noch mit Gleitschirm fliegen anfangen. Es ist mir schon fast unangenehm, auch hier zu sagen, dass ich das ja schon mache. Er will mir unbedingt noch einen Absacker spendieren, also stosse ich mit einem Genepi an. Er erzählt mir zum Schluss, dass er morgen Genepi sammeln gehe für den Schnaps. Das sei aber eigentlich nicht so ganz legal. Und dass er oft über die Grenze gehe um Sugus, Rivella und Schoggi zu kaufen, weil er es so gerne mag.


Nach der Nacht geht es für mich heute erst über den Passo di Campagneda und später den Passo di Cancian. Den zweiten kenne ich von der Via Alpina. Die Route führt mich an vielen Seen vorbei und sie gefällt mir ausgezeichnet, ein ganz schöner Ecken zwischen Italien und der Schweiz. Auf dem Pass gehe ich baden, es tut sehr gut und ich habe wieder Energie für den grösseren Abstieg nach Poschiavo. Unterwegs passiere ich die Stelle, wo ich 2020 meine letzte Zeltnacht in der Schweiz hatte. Da werde ich kurz etwas sentimental, wie viel in diesen sechs Jahren passiert ist! Nach der Alp Quadra startet meine Krise. Ich hab so kein Bock mehr bergab zu wandern und meine Fusssohlen tun ultra weh! Ich pushe durch, auch wenn ich mich am liebsten noch 30 Minuten vor dem Ziel auf dem Boden legen möchte. Nur weiss ich, dass es nach einer Pause noch schlimmer wird, wenn der Abstieg bereits so lange war. Daher lieber durchziehen. In Poschiavo angekommen bin ich am Ende meiner Kräfte. Im Coop finde ich aber viele feine Sachen, die mir dagegen helfen und mich wieder aufpäppeln. Dann gehe ich zu meinem Hotel, dusche und gehe um 16.00 Uhr Pizzoccheri essen. Zurück im Hotel reicht es noch für einen Nap, bis Domenica ankommt. Schon lange freue ich mich auf ihren Besuch, wir werden nämlich die nächsten 10 Tage zusammen verbringen. Domenica kennt ihr ja schon von allen anderen Wanderungen. Eigentlich wollte sie die letzte Woche des Alpenpässeweges fertig wandern, aber jetzt ist sie doch auf der Via Rätia dabei. Die Idee entstand ursprünglich gemeinsam, als wir 2023 auf der Via Glaralpina waren. Sie kommt um 18.30 Uhr an und wir gehen gegen 20.00 Uhr auf den Dorfplatz um Znacht zu essen. Mein Höhepunkt ist der Salat mit Sciatt, das mag ich extrem gerne und esse es wann immer es die Möglichkeit gibt.

Nach der Hotelnacht starten wir den Tag mit einer etwas weniger coolen Etappe. Zumindest der Start. Denn beide haben wir den Bernina Trek schon gemacht und sind den einen Weg zum Saoseo See schon gewandet. Deshalb wandern wir einen der erst durch die Dörflis im Tal führt und uns dann nach Sfazu bringt. Mittelmässig schön und zu Beginn auf der Strasse. Ab Sfazu sind wir im Wald unterwegs und kommen mit ingesamt zwei Pausen beim Rifugio Saoseo an. Wir essen Ravioli, beziehen das Zimmer und brechen für einen 15 Minuten weg in Birkenstock und Stofftasche auf, um noch in einem der schönsten Bergseen der Schweiz zu baden. Er ist besonders kalt, aber ich stelle trotzdem das Foto von 2017 nach, wo ich einen Köpfler machte. Brainfreeze inklusive. Irgendwie speziell, vor fast 10 Jahren war ich hier auf meiner ersten Weitwanderung dem Bernina Trek. Jetzt 10 Jahre später wandere ich um Graubünden, das hatte ich auch nicht kommen sehen. Wir chillen danach noch auf einer Wiese vor dem Rifugio und essen den Znacht. Im Büchergestell sehe ich ein Erstauflage Buch von VON WEGEN von 2022 welche nach 2 Tagen ausverkauft war.


Tag 7 der Woche 5 steht an. Domenica und ich starten um 05.40 mit der Wanderung, denn ein Gewitter wird erwartet und unsere Etappe ist lang und wir müssen über mehrere Pässe und einer ist auf 2800 Metern über Meer. Nach ungefähr drei Stunden erreichen wir die Fuorcla di Livigno und sind in Italien. Hier gibt es ein Rifugio an der Strasse und wir möchten dort etwas trinken. Ich bestelle eine heisse Schoggi, frage zur Sicherheit noch wie sie die machen, also ob die mit Milch gemacht ist oder nicht. Ja klar, ist die Antwort. Doch als ich die Ciocolata Calda bekomme, ist es ein Schoggipudding oder Creme, der Löffel darin steht fast. Dafür sind die Gipfeli noch warm und mega gut. Es geht für uns weiter über den Stretta Pass zur Alp la Stretta. Dort gibt es ein super Käseplattli und für beide einen Kuchen. Wir bleiben nicht lange, denn es wartet der letzte Aufstieg auf die Fourcla Chamuera. Von hier haben wir eine super Aussicht auf den Piz Morteratsch, Palü und Bernina etc. Kaum oben angekommen, steigen wir ab. Der Abstieg ist mühsam und nicht so gut markiert. Es dauert etwas länger und ist deshalb anspruchsvoller. Fast unten im Tal angekommen, passieren wir zwei Frauen, wahrscheinlich Mutter und Tochter. Die Mama, etwa 70 schätzen wir beide, hat teilweise Mühe mit dem Gelände aber macht einen fitten Eindruck. Sie fragen uns nach dem Weg und wir antworten. Sie gehen weiter und die Tochter trägt beide Rucksäcke, aber sie haben keine Stöcke. Wir sind beide etwas unsicher, ob wir ihnen etwas davon hätten abraten sollen. Aber schlussendlich muss jede und jeder selber entscheiden. Ich denke mir nur, das Gewitter sollte demnächst kommen und sie sind erst im Aufstieg, der immer schwieriger wird. Wir schauen immer wieder zurück und hoffen, dass die beiden Frauen es sicher über den Pass schaffen. Der Abstieg ist lange. Aber wir schaffen es zur Alp Prünella, unserem Tagesziel. Juhu! Dort machen wir eine Pause und das Gewitter startet, aber es ist noch etwas weiter weg. Also machen wir Gewitter-Watching. Als es zu uns kommt, fragen wir bei der Alp, ob wir kurz unter das Vordach im Eingangsbereich stehen dürfen, bis das Schlimmste vorbei ist. Vorhin hat und die Frau (ein Mann und eine Frau sind auf der Alp) mega herzig gewunken. Daher dachten wir, dass das kein Problem sein wird. Der Mann sagt dann: Ja ihr könnt in den Geissenstall. Ich denke er meint das als Witz und lache laut. Doch dann checke ich, dass es sein voller Ernst ist und das Lachen bleibt mir direkt im Hals stecken. Der Basler sagt noch, ja wir machen einen Nap und wollen unsere Ruhe. Verständlich, aber wir wollten auch nicht gerade die Stube crashen. Die drei Geissen sind clever und huschen in den kleinen Stall. Wir hinterher. Es schüttet so stark, dass wir den Stall von innen schliessen, weil es so stark reinregnet. Die Geissen leisten uns beste Gesellschaft. Ich teile einen Apfel, und dafür kuschelt sich eine Geiss neben mich und wir haben den Deal, dass ich dafür meinen Fuss auf ihr hochlagern darf. Eine Stunde harren wir aus, bis das Schlimmste durch ist und wir weiterwandern. Bei der nächsten Alp, wollen wir Zelten. Da wir unter der Baumgrenze sind, müssen wir das erst abklären und das Einverständnis der Älpler bekommen (wegen Zelt von Domenica, ich im Biwak könnte eigentlich, ist aber Grauzone). Bei der Alp Serlas finden wir ein riesiges Gebäude, es sieht überhaupt nicht nach einer Alp aus und ist irgendwie unheimlich. Wir werweisen lange, ob wir weiter sollen. Aber das Gelände wird immer schwieriger um zu Zelten. Jedoch haben wir einen Kontakt von der übernächsten Alp Timun, aber kein Netz. Also überwinden wir uns, klopfen an die unheimliche Tür bei der Alp und schauen, um fragen ob wir hier Zelten dürften. Wir sind gespannt, ob die Person so unheimlich wie das Haus ist (weil dann wandern wir trotz fragen doch noch weiter). Es öffnet eine Frau die Türe und sie ist uns sofort sympathisch. Sie sagt das ist die grösste Bündner Privat Alp und wir können problemlos auf ihrem Gelände schlafen. Wenn etwas wäre, sollen wir wieder kommen. Evtl. gewittert es nämlich nochmals. Wir gehen an den Ort, denn sie vorgeschlagen hat, waschen uns im Bach, stellen alles auf und essen die Käseresten von der Alp di Stretta mit Darvidas. Das Gewitter kommt nicht mehr, aber ich ahne schon, dass es eine sehr unangenehme Nacht wird in Bach Nähe. Um 20.00 Uhr sind wir im Bett, um 05.00 Uhr soll die Wanderung wieder weiter gehen. 

So Tag 8. Somit eigentlich schon Woche 6. Aber weil nachher ein Pausenwochenende folgt, kommt dieser Tag auch noch in den Blog.

Meine Nacht im Biwaksack war übrigens schreeeecklich! Jede Stunde habe ich auf die Uhr geschaut und war froh als wieder eine vorbei war. Ab 12.00 Uhr in der Nacht war dann auch mein ganzer Biwaksack soo nass durch das Kondenswasser und dadurch wurde auch mein Schlafsack aussen pflutschnass. Innendrin war ich eigentlich noch trocken, aber es wurde kalt, die Wärmeleistung funktionierte nicht mehr so richtig. Die Matte hat auch wieder Luft verloren. Und jetzt das Witzige daran: Meine Garmin zeigt einen Sleepscore von 91 an! Mit Abstand der höchste Wert auf der gesamten Via Rätia bisher. :S

Um 05.00 Uhr geht der Wandertag endlich los, alles was ich besitze ist feucht, oder nass. Ziemlich planlos packen wir beide unser Zeugs ohne System und nass in den Rucksack. Ich putze nicht mal die Zähne, ziehe mich nur an und schon wandern wir wieder mit den Stirnlampen los. Wir passieren die Alp Timun, welche einen freundlichen Eindruck macht. Dann geht es auf die Fourcla Chaschauna („neichannüm“) über einen eher schlecht markierten aber einfachen Aufstieg. Total sind es fast 1000hm und wir machen die erste Pause erst als wir oben in der Sonne ankommen, um mal was zu essen und zu trinken. Dort ist es sooo schön, dass wir auch noch ein paar Fotos machen. Als wir weiter wollen, kommt grad ein Älpler auf dem Pass an. Er ist auf seinem täglichen Kontrollgang und gehört mit einem zweiten Älpler zur Alp Timun. Wir erzählen, dass wir gestern fast unangekündigt noch aufgetaucht wären und an seine Türe geklopft hätten. Auch berichten wir von der Geissenstall Geschichte. Der Älpler sagt, nein das gibts ja nicht. „Also wenn ihr bei uns geklopft hättet, wäre das anders gewesen. Ihr hättet hier schlafen können, wir haben genug Platz und eine Suppe hättet ihr also bestimmt auch noch bekommen“. Ein bisschen finden Domenica und ich es schade, dass wir keinen gemütlichen Alpabend hatten, dass wäre eine sympathische Runde gewesen. Aber das Erlebnis im Geissenstall werden wir auch nie vergessen. Nach dem Pass und einigen Fotos mit dem Bernina Massiv steigen wir ab zur Alp Chaschauna. Dort hat es einige Leute und es gibt auch was zu Essen. Weil Südtiroler die Alp führen, gibt es Käse- und Spinatknödel, was wir beide lieben. Wir zögern daher gar nicht, hier eine kurze Pause einzulegen. Nach den Knödeln wandern wir über eine lange Forststrasse bis zur Parkhütte Varusch. Wir haben gar kein Bock mehr und “chlönen“ über Füsse, Knie und den Weg. Dort passiert uns leider ein Malheur. Und zwar meinen wir, das Nationalparkzügli fährt um 13.58 Uhr ins Tal. Deshalb baden wir kurz im Fluss, weil wir 30 Minuten zu früh sind. Doch dann sehen wir das Zügli bereits um 13.38 Uhr wegfahren und realisieren, dass das Nächste in 1h 30 Min fährt. Kurzerhand packen wir unser Zeugs. Bis ins Tal haben wir knapp 30 Minuten. Leider geht das mit der Zugverbindung und dem Bus von S-chanf nicht auf. Deshalb joggen wir in Sport Bh, Birkenstocks und dem grossen Rucksack ins Tal und erwischen in letzter Minute den Bus. Erneut völlig durchgeschwitzt und ausser Puste setzen wir uns hin. Doch die Freude, dass wir es geschafft haben überwiegt. Auch ging das Joggen viel besser als erwartet! Mit dem Zug reisen wir nach Flims.

So und jetzt Freitag bis Sonntag die grosse Pause, um beim Sommerfest (aka Hochzeitsfest) von einer guten Freundin dabei zu sein. Am Sonntag reisen wir wieder in den Nationalpark, um weiterzuwandern.

Und sorry für den Leistungsabfall beim Blogbeitrag, hatte einfach zu wenig Zeit. Aber ja, ist ja nur ein Blogbeitrag und kein Buch. 🙂

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