Am Sonntagabend, reisen Domenica und ich von Flims nach S-chanf ins Engadin. Es tat gut, mal wieder zuhause zu sein, alles zu waschen und es war auch schön, sich für das Hochzeitsfest am Samstag mal wieder etwas „herauszuputzen“. Mit den noch schönen Haaren vom Fest, die geglättet und frisiert wurden, geht die Wanderung weiter. Wir nehmen die öffentlichen Verkehrsmittel bis zur Parkhütte Varusch, wo wir am Donnerstag die Wanderung pausierten. Es ist schon 17.00 Uhr und 5 Minuten bevor wir mit dem Nationalpark Express ankommen, entleeren sich die Wolken. Es regnet heftig, sodass wir die Pellerine hervorkramen, bevor wir aussteigen. Leider muss ich zuerst noch ein paar Meter bergab gehen, um auch wirklich keinen Meter abgekürzt zu haben (das Nationalpark Zügli hält weiter oben, als dort wo wir am Donnerstag losgerannt sind, um den Bus zu erwischen), das nehme ich ja alles immer sehr genau. Domenica geht schon mal zur Hütte. Es ist richtig grüslig und zum Glück sind meine Wanderschuhe im Rucksack, unter der Pellerine. Wenn die Birkenstock nass werden, ist es egal. Nach etwa 5 Minuten stehen wir triefend im Eingang der Parkhütte Varusch und werden nett empfangen. Wir haben zu unserer Überraschung ein Doppelzimmer und legen uns bis zum Znacht ins Bett. Die Parkhütte Varusch hat einen schlechten Ruf: Massenabfertigung, gar nicht liebevoll, eher zweckgemäss. Aber wir finden es recht herzig, die Hütte ist auch gar nicht gross und hat nur wenige Zimmer. Ich glaube der Unterschied der Meinungen ist vor allem auf den Tagesbetrieb zurückzuführen. Denn die Leute kommen ohne Aufwand hierhin. Aber abends wenn alle Tagesgäste wieder nach Hause gegangen sind, ist es hier total gemütlich. Wir können beim Abendessen a la Carte bestellen und entscheiden uns für ein Fondue. Es passt zum kalten Wetter, es schüttet noch immer im Strömen!
Um 19.00 Uhr sind wir wieder im Bett. Es gibt hier Internet, und so verbringen wir beide viel Zeit am Handy mit dem Posten von Stories und mit dem Finalisieren des letzten Blogposts. Die Zeit vergeht schnell und wir besprechen noch den Plan für morgen. Es soll ein sehr nasser Tag werden, viel Regen wurde prognostiziert, welcher je nach App ca. ab 11.00 Uhr startet und nicht mehr aufhört. Da wir ein T4 über die Fourcla val Sassa auf 2800 Metern im Nationalpark auf dem Programm haben, entscheiden wir uns früh zu starten. Es hat noch eine Familie (mit erwachsenen Töchtern) aus Deutschland hier mit dem gleichen Programm. Wir haben im Gespräch die Info mitgehört, dass sie um 05.00 Uhr starten wollen. Das war auch unser Plan. Da wir aber vor ihnen sein wollen, um den WC-Stau am Morgen zu vermeiden, stellen wir denn Wecker auf kurz vor 04.00 Uhr. So sollten wir die ersten sein und können in Ruhe starten. Nach 22.00 Uhr schlafen wir ein und sind etwas aufgeregt, auf das Wetter des nächsten Tages.




Beide sind wir heute morgen schnell wach und bereit den Tag anzugehen. Wir essen unser Zmorga und die Familie taucht um ca. 04.45 Uhr auf, als wir schon fast abmarschbereit sind. Wir haben dann doch etwas getrödelt, als wir bemerkt haben, dass die deutsche Familie noch keine Eile hat. Es ist trocken und wir wandern durch den dunkeln Wald – obwohl trocken stimmt eigentlich nicht. Der Gras am Wanderweg ist sehr nass und unsere Schuhe sind es schon bald auch. Um etwa 05.30 Uhr hören wir einen „Schrei“. Sehr unheimlich, es hätte ein Mensch sein können, aber auch ein Tier. Wie froh ich gerade bin, dass ich nicht alleine diese Etappe wandere. Ich bemerke meine sich steigernden Kopfschmerzen. Komisch, habe ich selten. Nach etwas über einer Stunde, realisiere ich, dass es die Stirnlampe ist, die mir Kopfschmerzen verursacht. Ich hatte sie zu eng angezogen und es einfach nicht gecheckt! Als ich sie ausziehe, weil es heller wird, sind die Kopfschmerzen ruckzuck verschwunden. Nach ungefähr zwei Stunden erreichen wir die ersten Felsstufen. Es ist wunderschön und die Morgenstimmung ist voller Magie. Die verschiedenen felsigen Abschnitte sind für uns beide sehr einfach. Ich hatte vor der Tour noch mit der Hüttenwartin der Cluozza telefoniert, weil ich Infos über den Weg sammeln wollte, um einschätzen zu können, ob dieser und auch bei richtig schlechtem Wetter machbar wäre. Es ist ein Alpinwanderweg und Nicole von der Cluozza meint, er ist vor allem blau/weiss wegen der Abgeschiedenheit. Es gibt kein Empfang und auch sonst rein gar nichts auf der Strecke. Bei den Felsstufen sagte sie noch, man müsse mal die Hände kurz benutzen, aber es seit nicht weiter schwer. Vor Ort sehen wir auch, dass zur Erleichterung der Passage Fixseile montiert wurden. So ist es wirklich keine anspruchsvoller Tour. Wir steigen auf und sind beide begeistert vom Weg, es werden daher auch viele Bilder gemacht. Der Himmel ist noch freundlich und wir sagen immer wieder zufrieden, dass es gut war so früh zu starten. Nach einer Hochebene folgt der letzte Aufstieg auf die Fourcla Val Sassa. Gegen 08.00 Uhr kommen wir oben an. Wir sind etwas schneller als die Wegweiser. Auf dem Pass essen wir Kuchen. Fürs Hochzeitsfest hatten wir beide je einen Kuchen gebacken und beide noch je eine Mini Cake Form für uns gemacht. Domenica‘s Rüablikuchen schmeckt auf der Höhe von knapp 3000 Metern noch viel besser als im Tal. Meinen Kuchen habe ich schon während der Zugfahrt zur Hälfte gegessen. Typisch. Nach dem Pass geht es auf einem einfachen Weg bergab. Domenica wünscht sich so sehr Steinböcke zu sehen. Es wäre das perfekte Gebiet, aber wir finden nur ein paar Gämsen. Der Abstieg ist schön aber etwas eintöniger als der Aufstieg. Es kommen uns ein paar Menschen entgegen und „oh ihr habt ja früh gestartet, wenn ihr schon hier seid!“ ist die Standardaussage. Am Schluss ist der Weg ein auf und ab. Und kurz vor der Brücke und unserem Ziel, erreicht uns der Regen. Wir erhöhen die Geschwindigkeit, mit dem Ziel dass unsere Schuhe nicht ganz durchnässt werden. Aber der Regen ist kräftig und wir schaffen es nur knapp. Die Schuhe sind nass, aber es hätte schlimmer sein können. In der Chamanna Cluozza angekommen gibt es sogar einen Begrüssungstee. Es ist noch nicht mal 12.00 Uhr als wir dort sind. Im Waschraum machen wir die Katzenwäsche und gönnen uns danach je eine vegetarische Gerstensuppe und eine Käseschnitte zum Teilen. Endlich wärmen wir uns wieder auf. Danach gibt es einen 2h Nap im Schlafsaal. Die Hütte ist übrigens ein richtiges Bijou! Sie sieht so schön aus, ist romantisch im Val Cluozza gelegen und wird herzlich geführt. Die Hüttenwartin Nicole hält vor dem Abendessen eine kleine Ansprache mit einigen spannenden Infos zur Cluozza, dass macht es immer etwas persönlicher und fühlt sich noch mehr so an, dass wir als Gäste in ihrer Hütte zu Besuch sind. Ich denke so sind auch alle Gäste etwas sensibler, sich entsprechend rücksichtsvoll zu verhalten. Es ist ein rundum toller Aufenthalt, auch der Znacht ist super. Domenica und ich sind richtig froh, bei diesem Regenwetter auf einer Hütte zu sein.
























Gestern hatten wir wegen keinem Netz noch kurz beim Hüttenteam gefragt, was der aktuelle Wetterbericht für den nächsten Tag meint: „Morgen bleibt es trocken!“ Als wir nach dem Frühstück starten und die ersten Höhenmeter zur Fuorcla Murter bergauf steigen, merken wir dass der Wetterbericht wohl nicht ganz recht haben wird. Schon bald wandern wir in Regenpellerine, die es mir um die Beine „luftet“. Dafür erblicken wir zuerst eine Hirschkuh mit zwei Jungen (ein Kalb und ein Schmaltier – so habe ich es nun gelernt) und noch eine grosse Herde an Gämsen! Als wir um eine Bergkante kommen und nun näher wären, sind alle Gämsen weg. Wie bei einem Zaubertrick. Komplett lautlos sind sie alle verschwunden, als wären sie gar nie hier gewesen. Domenica wünscht sich jeden Tag Steinböcke zu sehen. An diesem Tag klappt es mit dem Wunsch. Von Weitem erkenne ich ein paar Hörner. Da der Weg jedoch nicht bei den Hörnern vorbei führt, sehen wir den Steinbock nicht mehr. Kurz sind wir enttäuscht, doch 10 Minuten später stehen 8 Steinböcke etwas oberhalb vor uns in einer steilen Grasflanke. Juhu, beide freuen wir uns, dass Domenica‘s Wunsch in Erfüllung geht. Noch etwas später sehen wir sicher 15 Hirsche auf einer Bergkante, jedoch sind sie sehr weit weg. Dazu viele Murmelis und nochmals Steinböcke. Das Wetter ist weiterhin schlecht. Nass, kalt, windig, aber es regnet nicht so richtig. Dafür haben wir selten so viele Tiere gesehen. Deshalb diskutieren Domenica und ich, dass es eigentlich auch eine „the big five“ – Liste hier in den Alpen geben müsste. Unsere Liste wäre:
– Luchs
– Wolf
– Bär
– Bartgeier (habe ich einmal ganz nah gesehen, so eindrücklich!)
– Steinbock (damit man ein Erfolgserlebnis hat und mindestens eines der 5 sieht)
Ich sage die ganze Zeit, dass ich im Nationalpark meine Liste der Big 5 erweitern möchte. Deshalb basteln wir ein kindisches Spiel draus. Wir stellen uns Situationen vor, und erzählen diese einander, wie wir auf den Wanderetappen im Schweizer Nationalpark diese Tiere, zumindest eines davon, sehen. Beide hoffen wir auf den Luchs, ich, weil es mein Lieblingstier als Kind war und Domenica weil es sehr selten ist. Wir wandern alles wieder bergab, bis wir über eine Brücke gehen und zur Ofen Passstrasse aufsteigen. Dort an der Strasse hat es ein Bänkli, welches trocken genug ist für eine erste Pause. Danach steigen wir wieder auf, auf einen Panoramaweg, den viele Leute machen. Hier im Nationalpark gibt es strenge Regeln für die Wege. Es gibt daher extra eingezonte Pausenplätze. Auch spannend ist, dass es im Nationalpark wirklich nichts hat. Kein Alphüttli, wo man bei Regen mal unterstehen könnte, keine Kuhherden die man durchqueren muss. Einfach nur die Natur und ein paar Wegweiser. Man darf im Nationalpark auch nicht campieren oder ein Feuer machen. Das mit dem Feuer machen sollte man ja sowieso nicht, und in diesem Sommer gibt es im ganzen Kanton ein Verbot, weil es so trocken ist. Unterwegs im Nationalpark hören wir jedoch die Geschichten von Menschen, die sich trotz ultra vielen Infotafeln in allen Sprachen nicht an die Regeln halten und sich respektlos verhalten. Schade, genau so kommt es zu immer mehr Einschränkungen und Verboten. 🙁
Nach einer weiteren kleinen Pause (an einem offiziellen Pausenplatz) mit Blick auf unser Etappenziel Il Fuorn geht es nun ruckzuck und wir kommen im Nationalpark Hotel an. Domenica und ich waren wegen einem Geschäftstermin im Südtirol schon einmal hier, um auf dem Heimweg Sciatt zu essen. Da wir zu früh sind und das Check-in erst um 16.00 Uhr ist, gibt es wieder Sciatt! Wir lieben es! Sciatt ist eine Spezialität aus dem Veltlin, Buchweizen Käsebällchen, meist serviert auf einem Salat. Als unsere „Salatteller“ kommen sind wir begeistert. Vor lauter Sciatt sieht man den Salat gar nicht mehr! So mögen wir das gerne! Zum Glück teilen wir den Salat nicht, sonst müsste man trotzdem noch um die Bällchen „kämpfen“. 😉
Nach der Dusche und der Handwäsche unserer Wandershirts und co. chillen wir im Bett und posten Stories auf Insta. Die vielen Tierbegegnungen machen Eindruck und wir erhalten dazu viele Rückmeldungen. Beim Znacht mag ich nach den vielen Sciatt nicht mehr richtig essen. Es gibt nur noch einen Tomaten-Mozzarella Salat und als Domenica ihr Dessert bestellt, nehme ich noch einen Rüabli Salat. Das Nationalpark Hotel ist so schön gelegen, aber die Preise sind ziemlich hoch. Das Zimmer mit 170.- CHF für zwei Personen ist zwar sehr fair (mit Etagen Bad), aber beim Essen summiert es sich schnell (Kaffi auch beim Zmorga extra). Trotzdem war es bei der Via Rätia Planung ein grosser Wunsch von mir, hier übernachten zu können.
























Die Nacht war nicht gut. Wir sind beide ein bisschen erschlagen und Domenica ist kränkelig aufgewacht. Sie hat Halsschmerzen und fühlt sich nicht so gut. Wir wissen nun nicht, ob die Halsschmerzen richtige Halsschmerzen sind, oder vom Schnarcheln. Normalerweise „schnürlet“ Domenica nur, diese Nacht war sie aber mehr Bär als Büsi, doch die Silikonoropax haben nicht schlecht geholfen. Wir besprechen die Route und wo man aussteigen könnte, falls es ihr nicht gut geht. Ich denke schon, oh neeein, so ein abruptes Ende wäre hart. Es macht doch so viel Spass zu zweit, wir sind so ein gutes Wanderteam. Wir haben immer die gleichen Bedürfnisse oder Wünsche und sind einfach perfekt eingespielt. Wir starten nach dem Frühstück und wandern ein flaches Stück durchs Tal, direkt am Fluss. Dann überqueren wir die Strasse und sehen noch eine Infotafel von Wolf, Luchs und Bär, die hier alle wieder heimisch geworden sind, nachdem alle ausgerottet wurden. Wieder hoffen wir, eines der Tiere zu sehen. Im Hotel hatte ich noch eine Postkarte vom Wolf abfotografiert, weil ich sie so eindrücklich fand! Der Aufstieg startet und Domenica gibt Entwarnung. Sie meint, ihr gehe ihr besser und sie werde nicht krank. Vielleicht war das Unwohlsein und die Halsschmerzen tatsächlich einfach vom Schnarchen und nicht umgekehrt. Domenica meint auch, dass sie gestern viel zu wenig getrunken hat, evtl. war sie auch etwas dehydriert. Ich bin auf jeden Fall froh, dass wir somit weiter zusammen unterwegs sein können, juhu! Der Aufstieg zur Fuorcla Val Da Botsch ist sehr schön! Beide sind wir heute trotz schlechter Nacht mega im Flow, damit hätten wir beide nicht gerechnet. Wir steigen problemlos die fast 1000hm bergauf und machen oben eine kurze Pause. Als wir wieder im Abstieg sind, kommt bei mir eine Nachricht von Celina rein, die ein Teil meiner Arbeitsprojekte für Juli und August übernommen hat, damit ich überhaupt auf die Via Rätia kann. (Danke, Danke, Danke Celina!!! <3) Da mir nach wenigen Metern hinter dem Pass die Netzverbindung verloren geht, sage ich Domenica sie soll schon weiterziehen, ich müsse kurz zurück zum Pass! Oben auf dem Pass telefoniere ich mit Celina, um ein paar nächste Schritte zu besprechen. Ich bin sooo froh für ihren Einsatz, ohne sie wäre das alles gar nicht aufgegangen. Nach dem Telefonat sprinte ich den steilen Pass runter zu Domenica, die beim Talboden auf mich wartet und snackt. Nach einer gemeinsamen Snackpause steigen wir durch ein Kuhherde auf. Wir sind gerade ein kleines Stück ausserhalb des Nationalparks, sonst hätte es ja keine Kühe. Auf dem nächsten Pass wollen wir eine richtige und lang verdiente Pause machen. Wir stellen uns vor, wie wir in der Sonne einen Mittagsschlaf machen, doch kaum haben wir uns eingerichtet und die Schuhe ausgezogen beginnt es zu winden und die Sonne verschwindet hinter den Wolken. Sie taucht immer mal wieder kurz auf, aber nie lange, sodass wir zu frieren beginnen. Frustriert entscheiden wir die Pause abzubrechen, denn so macht es keinen Sinn, weiter geht es. Wir wandern ins Tal und beide haben wir nach dem flowigen Morgen nun keine Lust mehr bergab zu wandern. Ich bekomme zudem Unterleibskrämpfe und meine Energie sackt innerhalb von Minuten in den Keller. Gaaar kein Bock mehr! Domenica gehts ein bisschen besser als mir, denn sie merkt, dass ich nichts mehr sage und nicht mehr mag und sagt: „Komm wir essen kurz ein paar Energie-Gummibärli!“ Okeeee.. lustlos esse ich die drei Gummibärli und wir gehen weiter. Als wir wieder einen Murgang oder Steinlawine (wie auch immer der korrekte Ausdruck dafür ist) überqueren, hält Domenica an und sagt: Oooh mein Gott, was ist das?! Ich schliesse auf, und es gibt keinen Zweifel. 10 Meter oberhalb von uns spaziert ein Wolf vorbei!!! Sofort versuchen wir ein Foto zu machen, denn wir trauen unseren Augen kaum! Der Wolf beachtet uns nicht und läuft weiter und verschwindet nach wenigen Sekunden wieder im Wald. Domenica und ich sind total geflasht! Wir können es nicht glauben, wir haben doch tatsächlich einen Wolf gesehen! Lifegoals! Als wir weiterlaufen ist die Krise wie weggefegt. Wir sind völlig euphorisiert, können unser Glück kaum fassen. Ein Wolf in freier Wildbahn und dann noch in Graubünden – das ist ja besser als ein Sechser im Lotto! Nach dem ersten Hochgefühl werden wir beide noch etwas sentimental und sagen, dass es keinen besseren Ort und Moment für so eine Begegnung gegeben hätte: Dass wir beim Wandern zusammen einen Wolf sehen.. schöner hätte es nicht sein können und es ist so cool, dass wir diesen Moment teilen dürfen. Dass wir genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und Domenica auch noch in exakt diesem Moment den Berg hochschaut und den Wolf sieht. Es ging alles so schnell und genau haben wir den richtigen 3-Sekunden Moment erwischt. Zum Glück haben wir unsere Mittagspause abbrechen müssen. Wir können es kaum erwarten bis wir Netz haben, um das Bild in unsere Familienchats zu schicken. Und auch wollen wir die defintive Bestätigung, dass es hundertprozentig ein Wolf ist. Bevor unsere Glücks-Euphorie noch platzt. Ich habe viele Jäger:innen als Follower und sobald wir Netz haben, poste ich das Bild. Dass es tatsächlich ein Wolf ist, wird kurze Zeit später bestätigt. Als wir im Tal ankommen sehen wir die deutsche Familie von den Parkhütte Varusch (wir sahen sie jeden Tag). In solchen Momenten bin ich total peinlich, und erzähle ihnen sofort, dass wir einen Wolf gesehen haben und ob sie ein Foto sehen wollen. Domenica ist da etwas zurückhaltender. Sie sind auch sehr beeindruckt von unseren Fotos. Domenica und ich laufen die letzten Kilometer nach S-charl und witzeln, dass wir jetzt neue Menschen sind. Es gibt ein Leben vor und nach einer Wolfsichtung. 😉 In der Coolness-Skala der Outdoor-Menschen sind wir auf jeden Fall gleich ein paar Levels aufgestiegen! 😀 In S-charl angekommen sind wir trotzdem ziemlich fertig. Wir trinken Holundershorles und erholen uns von der Etappe. Danach gehen wir uns im Bach duschen. Später stossen wir nochmals auf den Tag an und zum Znacht gibt es feine Vegicapuns. Die Wirtin im Restaurant erzählt uns von den Wölfen und Bären aus der Gegend und auch, wie es bei ihr in der Heimat Slowakei ist, wo es mehr Bären und Wölfe hat als hier.



























Die Nacht ist kurz. Und schlecht. Um 04.30 Uhr geht der Wecker ab und wir sind mega nervös. Aber endlich geht es los, die ganze Nacht habe ich mich hin und her gewälzt und immer wieder auf die Uhr geschaut. Ich habe die heutige Etappe schon gekürzt, wir wandern daher nach Scoul über die Fora dal‘Aua und die Fuorcla da Rims. Es sind 5-6h und es ist verdammt viel Regen angesagt. Die Wirtin meinte gestern es werden 13cm werden, bei 9cm wird die gesamte Strasse nach S-charl gesperrt, weil es in diesem Tal so gefährlich wird. Um 08.00 Uhr soll die erste Regenschauer kommen, gegen 10.00 oder 11.00 Uhr dann so richtig und danach durchgehend ohne Pause. Beide haben wir heute grummlige Bäuche vor Nervosität als wir mit Stirnlampen ins Tal zur Alp Sesvenna wandern. Denn der Weg ist wieder blau/weiss, daher ist unser Ziel diesen Abschnitt vor dem grossen Regen zu schaffen. Zu Beginn sieht alles gut aus, doch dann kommen dunkle Wolken auf uns zu und als wir im Schlussaufstieg mitten in den mit Ketten gesicherten Passagen sind, beginnt es zu Regnen. Oh noo, nicht gut! Je nach dem wie fest es jetzt kommt, wird das ungemütlich. Wir beschleunigen das Tempo auf unser Maximum. Ich bin total angespannt, das fühlt sich jeweils nicht so gut an, mental so gestresst zu sein. Domenica ist dafür körperlich sehr angestrengt. Beide beissen wir auf die Zähne und schaffen es aufs Hochplateau. Juhu, das Schwierigste hätten wir geschafft! Auf der Ebene sehen wir den ersten wunderschönen Bergsee. Wir sind eingepackt in Regenjacke und Pellerine, doch der Regen wird weniger und wir sind nach dem ganzen Stress so erleichtert und freuen uns, dass wir diesen schönen Ort sehen dürfen. Natürlich hat es ausser uns wieder niemand hier. Wir wandern über die Ebene bis zur Fourcla da Rims und steigen danach ab zur Lischanahütte. Dort gibt es trotz Zeitdruck einen Kuchen und eine Schoggi Melange. Nach 25 Minuten geht es im Regen viele Höhenmeter bergab bis nach Scuol. Zum Schluss sind wir klitschnass und richtig erledigt. In Scuol angekommen wärmen wir uns im Café Ajüz auf und entscheiden uns den Nachmittag im „Bogn“ (Wellness in Scuol) zu verbringen. Dort wärmen wir uns in den warmen Pools auf und schlafen danach im Ruheraum tief und fest ein. Wir sind sooo müde, nach dem ganzen Stress. Seit Domenica dabei ist, haben wir viel sehr früh aufstehen müssen, damit wir das Wetter bestmöglich nutzen konnten für die Etappen. Am Abend gibt es eine Pizza und ein Bett in einem Hotelzimmer.





























Die Nacht war unglaublich gut! Doch der Tag ist trotzdem doof! Am frühen Morgen heisst es Abschied nehmen von Domenica. Nach so vielen Tagen zusammen ist das immer total hart! Ich finde es schön, dass sie nicht direkt gestern abgereist ist, sondern nochmals die Wanderung mit mir hat „ausklingen“ lassen. Leider regnet es heute den ganzen Tag. Als Domenica weg ist, fühle ich mich verloren. Ob ich das alles noch alleine kann? Die Gefühle kenne ich aber schon, es ist ja nicht das erste Mal, dass ich so eine Situation erlebe. Ich wandere von Scoul die Via Son Giachen (Jakobsweg) und sehe mehrmals die Jakobswegmuschel. Da vermisse ich Domenica gleich noch mehr, weil sie ja schon zwei mal auf dem Jakobsweg war und so auch zurück zum wandern gefunden hat. Vier Stunden wandere ich durch den Regen auf einem Höhenweg, vorbei an Ftan und Ardez, bevor ich das wunderschöne Dorf Guarda erreiche. Hier habe ich ein Hotelzimmer gebucht, mehr mag ich heute nicht wandern, denn es wird durchregnen. Also gibt es einen entspannten Nachmittag im Hotelbett.











Am nächsten Morgen steht eine Grenzüberschreitung an, nämlich vom Unterengadin in die Region von Davos, ins Prättigau. Ich starte mit einem mega feinen Zmorga in der Guarda Lodge und laufe verhältnismässig spät los. Es sind heute etwas mehr als sieben Wanderstunden. Zu Beginn bin ich auf einem Weg unterwegs, der ein bisschen verwildert ist, das heisst jeweils das ich weniger schnell vorwärts komme. Später wähle ich einen Weg der aufhört, genau als ich auf eine bereits sichtlich nervöse Kuhherde zugehe. Daher kehre ich um, und wähle den anderen, parallel verlaufenden Weg. Ich erreiche die Selbstversorgerhütte Chamanna Marangun und steige auf zur Fuorcla Zadrell. Auch hier merke ich, dass dieser Weg nicht oft begangen wird, er ist etwas zugewachsen. Insgesamt verliere ich daher heute allgemein viel Zeit. Ansonsten bin ich mittlerweile immer schneller als die Zeitangaben der Wanderwegweiser und auch der Wanderapp Schweiz Mobil (was in Woche 1 noch überhaupt nicht so war). Die Etappe ist das Gegenteil von überlaufen und ziemlich cool, ich freue mich, dass meine Planung mich hier durchführt. Zwar muss ich etwas viel Felsblock-wandern, was ich wenn es zu lange dauert nervig finde, aber im Abstieg sehe ich zwei sehr schöne Bergseen. Den Chessisee und den noch schöneren Bürgensee. Ich finde Bergseen die eine hellblau-milchige Farbe haben, die schönsten Bergseen. Leider habe ich nicht mehr so viel Zeit und bin schon etwas müde. Ausserdem windet es stark, sodass ich sie beide auslasse und durch das Vernelatal wandere. Es hat viele Kühe, aber die sind heute entspannt drauf. Eine halbe Stunde vor meinem Ziel, brauche ich doch noch eine kurze Pause. Meine Fusssohlen danken es mir. Dafür ist das Anlaufen danach immer sehr harzig, alles fühlt sich sehr steif an. Das Berghaus Vereina ist viel herziger als ich es erwartet hatte. Und es gibt kostenlose Duschmöglichkeiten, juhui! Beim Abendessen sitze ich mit Christine am Tisch. Sie ist vielleicht 20 Jahre älter als ich und alleine unterwegs und anscheinend in den Sommerferien auch gerne am Weitwandern. Sie hat auch das Garmin In Reach 2 und war auch auf der Via Glaralpina. Fühlt sich ein bisschen an, wie eine leicht ältere Version von mir. Wenn ich mal so werde, wäre ich zumindest sehr glücklich damit. Sie macht einen mega fröhlichen und aufgestellten Eindruck und ich hätte gerne noch mehr geplaudert, aber nach langen Tagen bin ich abends in den Hütten oft einfach zu müde. Das Paar vom Nachbartisch spricht mich noch an, sie hätten mich erkannt, da sie mal an einer Lesung von mir waren. Im Bett stelle ich den Wecker auf 06.00 Uhr und stelle mein Rucksack schon in den Schuhraum. So mache ich kein Lärm und wecke möglichst niemanden, wenn ich als erste aufstehe. Der ganze Schlafraum ist voll mit Frauen. Alle witzeln wir, dass wir dann hoffentlich eine ruhige Nacht haben. Doch dann sagt eine Holländerin, wir sollen unsere Ohropax bereit halten, sie sei eine Schnarchlerin.














Die Nacht war prima, die Schnarchlerin war absolut harmlos. Ich bin als Erste beim Frühstück und die Erste, die loswandert. Die heutige Etappe ist fast 9 Wanderstunden, daher muss ich mich im Timing heute etwas ranhalten. Die ersten zwei Stunden Abstieg bis zur Alp Novai sind langweilig aber gehen flüssig. Das meiste ist auf einer Alpstrasse, sogar der Bus fährt hier hoch. Danach folgt ein Anstieg zur Fergenhütte. Heute brauche ich fast den ganzen Tag mein Handy. Sonst mache ich das ja eher selten, aber ich höre viel Musik. Es pusht mich und ich bin sehr schnell unterwegs, das ist super. Als ich bei der Fergenhütte ankomme, treffe ich auf zwei Personen der Sektion Prättigau die den Hüttendienst machen. Die Fergenhütte ist eine Selbstversorgerhütte, die einmal pro Woche kontrolliert wird, ob alles noch okay ist. Auch hat es einen Hüttenkiosk der aufgefüllt wird und das Bad und die Küche werden geputzt. Das ist also eine Luxus-Selbstversorgerhütte. Ich habe Selbstversorgerhütten nämlich nicht mehr so gerne. Früher fand ich das extrem cool, mehr Abenteuer. Heute (mit dem Alter ;)) bin ich heikler geworden und mag es nicht, wenn andere Leute die Hütte dreckig hinterlassen, das grust mich dann immer ein bisschen. Ich esse meine Snacks draussen in der Sonne, als Forti (vom Hüttendienst) kommt und sagt, ich solle ins Hüttenbuch schreiben, obwohl ich nicht hier schlafe. Also erfülle ich diesen Wunsch. Jetzt gäbe es hier ein paar Geschichten zu erzählen, aber ich bin so müde, daher kürze ich den Tag hier etwas ab. Ich steige noch bis zur Fergenfurgga auf und dann geht es über ein paar Umwege auf einem schönen Weg bergab. Ich beeile mich sehr, denn ich weiss dass mich in Schlappin Tal Michaela abfangen wird, darauf freue ich mich sehr. Das hat mich sehr motiviert an diesem langen Tag. Da wir beide kaum Netz haben, können wir nicht gut miteinander kommunizieren. Als ich gerade entscheide, dass ich nicht mehr kann und eine Pause brauche, kommt doch eine Nachricht von Michaela. Also schultere ich doch wieder meinen Rucksack und es lohnt sich. 5 Minuten später treffen wir aufeinander und freuen uns über ein Wiedersehen. Was mega herzig ist: Sie hat ihre Eltern Maggie und Ruedi mitgebracht. Maggie hat sogar noch Kuchen mitgebracht. Was für eine schöne Stärkung dieses Treffen ist, fürs Gemüt vor allem, die Motivation und auch für den Bauch. Gemeinsam wandern wir nach Schlappin. Dort habe ich einen Schlafplatz im Gasthaus Erika. Die drei nehmen das Bergtaxi und ich werde mit einem extrem guten Znacht verwöhnt. Dort gab es das feinste Risotto und auch Tomatensuppe ever. 🙂






















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